Wer nicht nur die Künstlerin Paula Modersohn-Becker kennenlernen möchte, liegt mit dieser Hommage genau richtig. Die erfahrene Biographin Barbara Beuys hat ein umfassendes Werk über die Tochter, Schwester, Cousine, Freundin, Lehrer-Seminaristin, Mutter, Kollegin, Schülerin verfasst.
Ausgehend von ihrer Kindheit in Dresden und den späteren Aufenthalten in Bremen und England, nähert sich Beuys immer intensiver der Worpsweder und Pariser Welt der Paula Modersohn-Becker an.
Es gelingt ihr anhand reichlich eingeflochtener Tagebuch- und Briefauszüge sowie einzelnen Gedichten und Privatfotos die Frau Paula Modersohn-Becker in den Vordergrund treten zu lassen. Insbesondere ihr Bild als Frau vermag Barbara Beuys treffend zu analysieren. Ohne zu verklären oder zu bagatellisieren, wird Paula Modersohn-Becker in all ihren komprimierten Facettenreichtum nicht nur sichtbar, sondern gut erkennbar.
Wer bislang allein den Blick auf das Werk gelegt hat, wird nunmehr über die Vernetzung und Verankerung Modersohn-Beckers in der Kunstwelt der Jahrhundertwende viele interessante Details erfahren.
Die einzelnen Kaspitel sind kleinschrittig und mit klaren Überschriften versehen aufgebaut.
Gleich einer behutsamen einfahrt in einen großen Hafen, gleitet man zielpunktartig auf den so tragisch frühen Tod der Malerin zu und bekommt neben den Bildern der Künstlerin ein umfassendes, nuancenreiches Bild von der Malerin als Person.
Sehr beeindruckend sind vor allem die kenntnisreichen Querverweise, die bis hin in die soziologischen, politischen, wirtschaftlichen und kunstgeschichtlichen Bereiche hineinreichen.
Barbara Beuys überzeugt durch ihre gründliche Recherche mit phänomenaler Quellenarbeit. So sind die Verzeichnisse der Abbildungstafeln und Fotos ebenso hilfreich wie auch die Angaben zu weiterführender Literatur und das Personenregister.
Leider ist nur eine Karte von Paris im Vorsatzblatt abgedruckt. Es wäre gut gewesen, wenn das "Deutschland der Jahrhundertwende" mit den prägnanten Orten aus dem Leben Paula Modersohn-Beckers auch abgedruckt worden wäre.
Alles in allem ein unbedingtes Grundlagenwerk, das keinem Liebhaber der Werke Paula Modersohn-Beckers entgehen sollte. Barbara Beuys brilliert wiedermal mit ihrem tiefen Kennerreichtum und einer gut verständlichen Sprache.
"...oder wenn die Kunst das Leben ist" ist ein äußerst zutreffender Untertitel für das Werk und das Leben eines Menschen, der einen Namen trägt: Paula Modersohn-Becker!