"Wer ist die Frau da im Spiegel, die sie malt? Sie kennt sie, und sie kennt sie nicht. Auf ihrem Bild sieht Paula fast aus wie eine der Gaugin'schen Südsee-Schönen: übergroße, fast animalisch-dunkle Augen, die lange Kette über der nackten Brust und die Hände einträchtig auf dem gewölbten Bauch. Bloß nicht nach Worpswede aussehen jetzt. Denn auch vor Worpswede ist sie weggelaufen. Aber Gaugin täuscht, genau wie die Südsee. Denn sie malt ihre Seele. Wie sieht eine Seele aus, ihre Seele? Wie mein Akt, hat sie gedacht. Der Blick dieser Augen ist nur auf den ersten Blick herausfordernd-weiblich und naturhaft-schwarz zugleich, er ist dunkel vor Fragen - an sich, an alle." Die Vermessung der Seele. Das ist im Grunde das was Kunst soll und das ist im Grunde bodenlos. Ohne Boden und ohne Grund ist die Seele und damit so ziemlich kaum faßbar.
Wenn ein Mensch sich dieser Unfaßbarkeit aussetzt, dann tanzt er einen Eiertanz. Im letzten Jahrhundert gab es zwei deutsche Dichter, beide in Prag geboren, die mit ihrer Sprache der Seele nahe kamen, wie nur wenige sonst. Der eine war Kafka, der andere Rilke. Kafka zentrierte seine Verschlossenheit und das Schloß war sein Vater. Für Rilke war das Schloß seine Mutter und er zelebrierte seine Verschlossenheit, die Frauen schlossen sich ihm an und er schloss sich ihnen auf und zu und auf und zu. Eine dieser Frauen war Paula Modersohn-Becker. Kerstin Decker erklärt ganz bewußt Rilke zu Paulas "Schwesternseele". Um diese "Schwestern" windet sich das Buch wie eine Schlange. Für Paula war ihre Schwesternseele Clara Westhoff. Die sich von ihr entfremdete, als Rilke sie zur Frau nahm. Vielleicht wurden Rilke und Clara auch ein Paar, weil Paula sich mit Otto Modersohn verheiratete.
Eins stößt das andere an. Und solch ein Buch,wie dies von Kerstin Decker, das stößt ganz viel an.
Schon der Anfang. Sechs Seiten die vom 25.5.1906 handeln, als sie das Bild malte, das auf dem Titel zu sehen ist. Der erste Selbstakt den je eine Frau gemalt hat. Diesen Anfang mußte ich gleich zweimal lesen, so schön fand ich ihn. Und dann folgt eine Biographie, die sich liest wie ein Film von Alejandro Gonzalez Inarritu. Die zeitlichen Ebenen sind so kunstvoll verwoben, in Vor- und Rückschritten verschränkt, daß ich aus dem heraustrete beim Lesen, aus dem was uns als Zeit erscheint, dem Zeitpfeil und in das hereintrete, was Zeit wirklich ist: eine bodenlose Fläche. Genau dies hat auch Paula Modersohn-Becker gemalt und wer ihr und ihren Bildern nahe kommen möchte,d er sollte nicht nur in die Bremer Kunsthalle gehen, der sollte auch diese Biographie lesen.