In dem Buch geht es - wie der Titel schon sagt - um den großen Bruder des Ich-Erzählers. Wir erfahren von seiner ersten große Liebe, seinen Schmetterlinge im Bauch, seiner Erkenntnis der eigenen (Homo-)Sexualität und einem tragischen Geschehen. So weit, so gut.
Aber es gibt so viel, das wir nicht erfahren. Insbesondere nichts vom Ich-Erzähler. Wir wissen lediglich, dass er 15 Jahre alt ist und sich offenbar ausschließlich für seinen verstorbenen Bruder interessiert, den er nie kennenlernte. Sonst wissen wir praktisch nichts von ihm: keine Interessen, keine Hobbys, keine Freizeitbeschäftigungen, keine Freunde (lediglich wenige erwachsene Bezugspersonen), keine Träume, keine Ideen, keine Gefühle, keine Leidenschaften, keine Marotten, keine Charaktereigenschaften, keine Ecken und Kanten. Ein Mensch ohne jede Persönlichkeit.
Dies ist mehr als irritierend, egal wie man es betrachtet. Ist es erzählerische - ärgerliche - Schlampigkeit, dass der Ich-Erzähler keine eigene Persönlichkeit besitzt? Dass sein einziger Lebensinhalt sein unbekannter Bruder ist? Dass es ihn nicht einmal stört, dass sich alles nur um Paul dreht, er selbst aber keinerlei Rolle spielt?
Oder ist dies etwa die Absicht des Autors? Will er den Erzähler als bloßes Abbild seines Bruders schildern, als noch existenten Schatten der Vergangenheit? Das würde zumindest erklären, warum der Erzähler offenbar nie darunter leidet, dass es in seiner Familie nur um den seit vielen Jahren verstorbenen Paul geht - ein Umstand, der ansonsten jeden Teenager zu Recht zur Weißglut treiben würde. Wäre dies die Absicht des Autors, so wäre sie aber schlecht umgesetzt. Die an dieser Stelle an sich mögliche metaphorische Ebene wird nicht erreicht.
So hinterlässt das Buch vor allem eins: Ein Gefühl der Kälte. Kalt ist es um den Erzähler, um den es nicht geht.
Insgesamt zwei Sterne dafür, dass es in dem Buch immerhin eine ganz nette schwule Liebesgeschichte gibt. Spannung sucht man dagegen vergeblich, zu vorhersehbar ist die Handlung. Auf Überraschungen wartet man vergeblich. Für eine langweilige Zugfahrt ok, für mehr sicherlich nicht.