Das sind einmal wirklich 258 Minuten genussvolle Spannung pur: Francis Durbridges „Paul Temple und der Fall Spencer" ist definitiv ein ganz großartiger Krimi.
Der Schriftsteller Paul Temple und seine Frau Steve treffen in diesem Fall auf den französischen Impressario Robert Dreisler, ein flüchtiger Bekannter Pauls, den er aus den Augen verloren hat. Dreislers Tochter Mary wird am nächsten Tag ermordet und alles, was zur Lösung dieses Falles verhelfen könnte, sind eine mysteriöse Schallplatte und ein kurzer Brief, unterschrieben von einem ominösen Spencer.
Nacheinader treten rivalisierende Verehrer der Ermordeten, zwielichtige Nachtclub-Besitzer, eine enge Freundin der Getöteten, die bald selber dem Mörder zum Opfer fällt und viele andere Figuren auf, die diesen Fall so besonders machen, dass man einfach nicht mehr auf „Stop" drücken will. Man fürchtet sich sogar ein wenig vorm Ende, weil die Ermittlungen des Ehepaars und die Intrigen, die sich nach und nach herausstellen, einfach wundervoll sind.
Die Sprecher Annemarie Cordes und René Deltgen sind einfach grandios. Auch in der brenzlichsten Situation trinken Sie erst einmal einen Tee oder machen noch den ein oder anderen Scherz. Es ist wirklich ein Genuss, sie bei ihren Ermittlungen zu begleiten. Was allerdings eine Frage aufwirft, ist, welches Frauenbild Durbridge bzw. der Regisseur Eduard Hermann durch Steve Temple vermitteln wollen. Sie pariert kommentarlos, wenn ihr Mann sie auffordert, ihren Tee zu trinken und nicht weiter zu sprechen und schreit im Feuergefecht wie wild um sich herum. Man kann selbstverständlich darüber hinwegsehen, denn irgendwie ist sie auch sehr komisch. Außerdem wurde dieses Hörspiel in den 1950er Jahren produziert, worin vielleicht auch die Antwort der Frage liegen mag.
Es sei auch gesagt, dass die Musik in diesem Krimi fulminant ist. Hans Jönsson hat sie komponiert und es spielt das Kölner Tanz- und Unterhaltungsorchester. So eine grandiose musikalische Begleitung bekommt man wegen des wahnsinnigen Aufwands selten in neueren Hörspielen geboten: ein ganzes Orchester wurde die für die Musik beschäftigt.
Insgesamt ist es ein Kriminalhörspiel, dass unglaublich gut unterhält und in sich sehr stringent ist. Die Personen werden geschickt platziert und bleiben dem Hörer gut in Erinnerung. Verbunden mit der Musik ist diese Produktion eigentlich mit fünf Sternen viel zu unterbewertet. Es lohnt sich unumstritten, diesem Fall von Paul Temple sein Ohr zu leihen!