Den Namen „Francis Durbridge" kennt sicherlich jeder Deutsche, dessen Geburtsjahr nicht zu weit in die Sechziger Jahre hineinreicht. Auch wenn man vielleicht selbst noch zu klein war, um die berühmten Straßenfeger im Fernsehen ansehen zu dürfen, so hörte man doch die Erwachsenen darüber sprechen und wurde neugierig. Alles verbotene „Material" übte stets großen Reiz aus!
Heute kann man darüber lächeln, zugleich aber auch ein bißchen ärgerlich sein über die Programmgestalter der Öffentlich-Rechtlichen Fernsehanstalten. Denn trotz erheblich erweitertem Programmrahmen - 24 Stunden am Tag!! - sucht man nach Wiederholungen solcher Klassiker fast vergeblich. Alle zehn Jahre gibt es mal ein Wiedersehen, aber all das scheint völlig plan- und konzeptlos abzulaufen. Im Radio hingegen werden sie ab und an schon gesendet, die klassischen Durbridge-Hörspiele. Man muß allerdings seine ganzen Sinne auf die meist späten Sendezeiten konzentrieren, sonst verpaßt man die Fortsetzungen...
Nun gibt es zur Abwechslung ein Durbridge-Hörspiel aus den 50er Jahren auf fünf CDs zu kaufen. Allein das ist schon der Rede wert und wohl nur erklärbar durch den deutlich zunehmenden Marktanteil sogenannter „Hörbücher". Dienten solche Medien früher hauptsächlich als Unterhaltung für blinde Menschen, so haben inzwischen wohl auch viele Sehende erfahren, daß es nicht immer erläuternder Bilder bedarf, um sich gediegen unterhalten zu können.
Als der „Fall Gilbert" 1956 im WDR gesendet wurde, galt Durbridge hierzulande wohl noch als Geheimtip unter Hörspielliebhabern. Inzwischen sind viele seiner Werke echte Klassiker. So nimmt es doch Wunder, daß erst etwa vier Jahre nach dem Tod des Autors eines seiner berühmten Hörspiele im Original auf CD veröffentlicht wird. Ich weiß nicht, ob es überhaupt jemals zuvor einen originalen „Durbridge" auf Platte gegeben hat (abgesehen von der recht neuen CD „Tief in der Nacht").
Ich selbst kannte bislang ausschließlich seine Fernseh-Krimis und war von daher ziemlich gespannt auf diese CD-Box. Laut Internet wurden insgesamt an die 20 Durbridge-Hörspiele produziert und gesendet, das vorletzte („La Boutique") im Jahre 1967, das erste („Affäre Gregory") Ende 1949. Diese Durbridge-Premiere im deutschen Hörfunk ist heute jedoch nicht mehr greifbar: Das Tonband wurde, wie es damals aus Kostengründen und wegen Materialknappheit häufig geschah, überspielt, also gelöscht.
Warum ausgerechnet Nummer sechs, also unser „Fall Gilbert", jetzt zuerst auf CD erschienen ist, kann ich nicht sagen. Die acht Teile dieses Hörspiels wurden im wöchentlichen Abstand zwischen dem 4.1. und dem 22.2.1957 erstmals im WDR gesendet, also immer freitags. Auf den CDs sind denn auch acht Episodentitel verzeichnet. Die Episoden haben sehr unterschiedliche Längen (25 bis 42 Minuten) und sind jeweils mit mehreren Trackmarken versehen, so daß man alle sinnvollen Abschnitte gezielt anwählen kann. Das ist praktisch, aber historisch etwas unbefriedigend. Entspricht die Episoden-Aufteilung der CDs dem gesendeten Original? Teilweise sicher nicht. Ich hätte mir gewünscht, daß zumindest in den drei Booklets nähere Informationen zu finden gewesen wären. Fehlanzeige. Nicht einmal alle Sprecher sind aufgeführt. Man sieht schon: Es geht hier nicht darum, eine Hörspiel-Rarität liebevoll auszugraben und sorgfältig zu kommentieren. Es geht einfach darum, einen fesselnden Krimi aus dem Archiv anzubieten. Dagegen ist nichts einzuwenden, im Gegenteil. Man muß als potentieller Käufer halt nur wissen, daß so gut wie keine brauchbaren Hintergrundinformationen mitgeliefert werden, - zum Glück gibt es ja aber das Internet.
Die Tonqualität ist schlecht! Ich meine nicht die der Rundfunkproduktion selbst, sondern die der CD-Überspielung. Es hat gewiß kein (digitales) Mastering stattgefunden. Das kann man zwar auch positiv sehen: Jede Nachbearbeitung verfälscht den Originalklang. Nicht zu verzeihen ist jedoch der viel zu geringe Gesamtpegel auf allen fünf CDs, der um etwa 4 DB unter Vollaussteuerung liegt. Man muß den Lautstärkeregler also schon kräftig aufdrehen. Und dann stört die teilweise extreme Dynamik: von hauchfeinem Geflüster bis lautstarkem Gebrüll ist alles vertreten. Hier hätte der Tontechniker, der die CD-Überspielung vorgenommen hat, ein bißchen Kompression „beigeben" können. Damit verringern sich die Sorgen gegenüber lärmempfindlichen Nachbarn doch ziemlich.
Aber was ist denn nun mit dem eigentlichen Hörspiel?! Darf man die rein künstlerischen Aspekte eines Klassikers überhaupt rezensieren? Ich wage es einfach. Mangelhafte Spannung kann man gewiß nicht beklagen - die Story ist gelungen und ein typischer „Durbridge". Auch die eingestreuten kleinen Musikstücke runden die Dialoge sehr gut ab und intensivieren die Gesamtstimmung. Insgesamt allerdings wirken für mich einige der SprecherInnen bemüht. Ihre Betonungen sind stellenweise wenig realistisch, so als wenn sie nur vom Blatt ablesen würden. Das haben sie naturgemäß ja auch getan - aber halt teilweise zu hörbar. Dazu zähle ich z.B. auch Annemarie Cordes, die Paul Temples Ehefrau spricht. Für meinen Geschmack wirken ihre Betonungen zu gestelzt, ja stellenweise „singt" sie ihren Part geradezu! Wie herausragend gelungen hören (!) sich demgegenüber die Fernseh-Klassiker von Durbridge an, wenn man sie auf ein Tonband überspielt und ihnen also nur lauschen kann. Es wird deutlich, daß die Schauspieler durch das Lernen ihrer Texte und das Agieren vor laufender Kamera einfach realistischer in ihrer Sprache wirken. Sollten Sie z.B. über „Das Halstuch" oder „Tim Frazer" auf Video verfügen, probieren Sie es doch mal aus. Sie werden verstehen, was ich meine.
Resümee: Eine lobenswerte Ausgrabung aus den Nachkriegsjahren des deutschen Unterhaltungsrundfunks im Rahmen einer Hörbuch-Veröffentlichung. Man darf, unabhängig vom Inhalt, nicht zu hohe Ansprüche an diese Edition stellen, weder editorisch noch tontechnisch. Negativ gesagt: eine relativ lieblos und schnell herausgehauene CD. Positiv gesagt: Endlich gibt es eines der legendären Hörspiele in einer preiswerten (!) CD-Box. Das ist schon der Rede und fünf Sterne wert. Ich hoffe auf weitere Ausgrabungen!
Aber aufgepaßt: Es ist damit zu rechnen, daß diese CD bald vergriffen sein wird. Zögern Sie also nicht zu lange!