Um fair zu sein: das grundlegende Problem jeder McCartney-Biographie ist, daß die Paul McCartney am nächsten stehenden Menschen - seine Kinder, sein Bruder, Jane Asher, die vor Linda die längste Beziehung zu ihm hatte, seine jetzige Freundin, und John Hammel, der Mann, der seit Mitte der 70er Jahre als persönlicher Assistent/Roadie/engster Vertrauter für ihn fungiert -, nicht mit der Presse reden. Was für die Loyalität spricht, die er inspiriert, aber auch dafür sorgt, daß sich die Biographen, so auch Sounes, auf die Zeugnisse von weiter entfernten Verwandten und Ex-Angestellten verlassen müssen, und dabei ist oft viel Klatsch und wenig Substanz. Aber selbst unter Berücksichtung dieser Schwierigkeit, an der kein Biograph vorbei kommt, ist das Buch in vieler Hinsicht eine Enttäuschung, vor allem aus drei Gründen:
1) Howard Sounes scheint wenig Ahnung von Musik zu haben. Über McCartneys Baßgitarrenspiel, das von John Lennon noch zu feindseligsten Zeiten neidlos als revolutionär und genial bezeichnet wurde, findet sich gar nichts; bei seinen Post-Beatles-Kompositionen bemüht Sounes alte Klischees, statt sich ernsthaft mit dem Ouevre auseinander zu setzen. (Hier schneidet Peter Ames Carlin als McCartney-Biograph viel besser ab. Er findet nicht kritiklos alles gut, aber wo er sich begeistert, da schreibt er leidenschaftlich und detailliert, ob nun über Band on the Run, Ram, Tug of War oder The Fireman: Electric Arguments, was eben auch seine Kritiken an schwächeren Alben wie Pipes of Peace viel fundierter herüberkommen läßt als Sounes' einseitige Verrisse.) Gut, über Geschmack läßt sich streiten, aber ganz gleich, was seine eigene Meinung ist, er könnte zumindest festhalten, daß sich die Einschätzung des seinerzeit heruntergerissen zweiten McCartney-Albums "Ram" bei vielen Kritikern aus der Rückschau zu einem der besten Soloalben eines Ex-Beatles gewandelt hat. Aber um ehrlich zu sein: als Sounes noch zu Beatles-Zeiten ausrechnet "Here, There and Everywhere" als schwachen Song bezeichnete, wußte ich, daß sein Urteil in musikalischer Hinsicht nicht das meine sein würde. (Auch nicht der von John Lennon, der diesen McCartney-Song in Interviews 1972, 1975 und 1980 als einen seiner liebsten Songs aus der Beatles-Zeit bezeichnete und in einem seiner Double-Fantasy-Songs deutliche Anleihen machte.)
2)Der Sexismus in der Beurteilung von Linda McCartney ist schon atemberaubend. Der verräterischste Satz ist der, in dem Sounes zugibt, daß die meisten Menschen, die sie tatsächlich kannten, sie als warmherzig und engagiert schilderten, aber ihm, dem Reporter, erschien sie aus der Ferne "gauche and abrasive", um den Originaltext zu zitieren, und das ist natürlich das wichtigere Kriterium. Dann gefällt sich unser Autor darin, sie als Groupie zu bezeichnen, weil sie vor ihrer Ehe, Schock, Horror, mit einer Reihe von Männern aus der Musikszene schlief. (Merkwürdigerweise werden männliche Fotografen der Szene, die ebenfalls mit einer Reihe der von ihnen dargestellten Personen ins Bett gingen, wie David Bailey zum Beispiel, nicht derart heruntergemacht. Free Love während der 60er Jahre ist halt nach Ansicht unseres Autors nur etwas für Männer.) Er muß dann zwar zähneknirschend zugeben, daß die dreißig Jahre lange Ehe der McCartneys bis zu Lindas Tod selbst nach eifrigem Forschen der Paparazzi beidseitig monogam war, aber das hindert ihn nicht daran, sich über den seit 40 Jahren bekannten Umstand zu mokieren, daß sie vor ihrer Ehe ein paar prominente Liebhaber hatte, und das als sensationelle Enthüllung zu verkaufen. Oh, und wo wir gerade beim Thema Privatleben sind: die Aussagen von Francie Schwartz, die 1968 ein paar Wochen mit Paul verbrachte, als Autorität zum Thema der Beziehung zu Jane Asher zu verwenden, die Ms. Schwartz nie persönlich kennen gelernt hat, ist schon gewagt.
3.) Die interessanten und aufschlußreichen Zitate von Paul McCartney selbst stammen entweder aus alten Interviews oder, zum allergrößten Teil, aus der autorisierten Biographie von Barry Miles, der als McCartney-Freund in der Lage war, über fünf Jahre hinweg Gespräche für das Buch mit ihm zu führen. Gut, es war klar, daß Sounes kein neues Interview bekommen würde (siehe oben zum Thema: Vertraute), und Miles' Biographie hat den Nachteil aller autorisierten Biographien - d.h. Zensur durch das Subjekt der Biographie - aber bei der schieren Anzahl von Many Years From Now-Zitaten hoffe ich, daß Barry Miles zumindest an den Einnahmen beteiligt wird. Und ziehe es vor, gleich die Miles-Biographie zu lesen, wenn ich mehr über Paul McCartney erfahren will. Selbst im zensierten Zustand ist sie unendlich aufschlußreicher als die von Sounes.