Paul McCartney hatte Richard Lesters Regiearbeit an den Beatles-Filmen "A hard Day's Night" und "Help!" in positiver Erinnerung, und so kam man überein, dass Lester auch McCartneys Welttournee '89/'90 begleiten und filmtechnisch aufbereiten sollte. Ich besuchte sein Konzert im Oktober '89 in der Festhalle und meine mich zu erinnern, dass vor Konzertbeginn eine ca. 12minütige Doku über McCartneys Karriere lief, ebenfalls von Lester zusammengestellt.
Von den 21 Songs stammen nur sechs nicht von den Beatles; überraschenderweise hat Lester Good Day Sunshine eingefügt, das es nur auf Maxi-Single gab. Kann sein, dass der resultierende Konzertfilm mit dem passenden Titel "Get back" (McCartney drehte live zum ersten Mal das Verhältnis von Solosongs zu Beatlessongs zugunsten letzterer um) seinerzeit kurz in einigen Kinos lief; weder auf VHS-Cassette noch auf DVD wird der Film aber dem Konzerterlebnis oder der Reichhaltigkeit der gelungenen Live-CD "Tripping the Live fantastic" gerecht.
Das geht los mit dem Konzertteil (85 Min.): Lester filmte eine Handvoll Konzerte in London, Amsterdam, Tokio, Rio, Toronto sowie in Italien und den USA; man hat den Eindruck, den Mangel an Auswahlmaterial versucht er dadurch wettzumachen, dass er das Bildmaterial jedes Songs aus mindestens zwei oder drei verschiedenen Versionen zusammenschneidet, wie an den ständig wechselnden Bühnenklamotten der Band zu beobachten ist. Immerhin kommen neben den obligatorischen Schwenks zu den Fans im Publikum in angenehm ruhigen Kamerafahrten alle Musiker ausreichend zur Geltung.
Die Songs klingen eher wie aus einem Guss, was unweigerlich zur Folge hat, dass viel Synchronisationsarbeit mit dem Bildmaterial geleistet werden musste. Diese ist sogar weitgehend gelungen, wenn auch immer wieder Fehler bei Pauls Kontakt mit dem Mikro oder bei den Gitarrensoli auffallen. Ein paar der Songs kommen mir von "Tripping" bekannt vor, wenn auch teilweise anders abgemischt oder mit anderen Gesangsspuren (Rough Ride, Got to get you into my Life, Sgt. Pepper, Coming up, Can't buy me Love); der Großteil der Songs besteht aus Alternativversionen zu denen auf CD veröffentlichten. Obwohl im Abspann Nachbearbeitung im Studio eingeräumt wird, klingt McCartneys Gesang streckenweise doch sehr "live", was gegen übertriebenen Perfektionismus spricht; dennoch bleibt während des ganzen Konzertteils der ernüchternde Nachgeschmack, dass Lied und Auftrittsort immer nur für Sekunden übereinstimmen.
Etliche Songs wurden von Lesters Kurzfilmen untermalt, manche gelungen (Rough Ride, Eleanor Rigby), andere ziemlich gewalttätig (Live and let die) oder klischeebehaftet (Back in the USSR); ob man aber bei The long and winding Road wirklich den ganzen Film (Vietnamkrieg, Mondlandung) anstelle der Band zeigen musste, bleibt Geschmackssache.
Das DVD-Bonusmaterial (ca. 2001) bringt leider auch nicht viel Erhellendes: für wenige Sätze dürfen sich diverse Promis von A-ha bis Echt über den Einfluss der Beatles auf ihre Karrieren äußern; richtig interessant wird's dabei nur bei Elton John und Wolfgang Niedecken. Im halbstündigen Interviewteil kommen die Band und Richard Lester zu Wort, aber nicht weiter auf den Punkt. Als die Werbespots für den Film entstehen, hat Blair Cunningham bereits Chris Whitten am Schlagzeug ersetzt. Die Untertitel bringen jede Textzeile der Songs, sind allerdings ärgerlich husch-husch entstanden, und das von jemand, der weder von Englisch, den Beatles noch von Rockmusik allgemein Ahnung hat; anders lassen sich wiederholte Patzer wie SHAKE Stadium (für SHEA Stadium!) oder "simple" als Wiedergabe von "silly" nicht erklären.
"Get back" zeigt Paul McCartney mit der wohl längsten Mähne seiner Karriere; da sogar die Chance vertan wurde, auf der DVD wenigstens Lesters eingangs erwähnte Vorprogramm-Doku unterzubringen, bleibt die DVD enttäuschend.