Vermächtnis für freie Geister
Die letzten Vorlesungen Feyerabends
Gewiss zählt der Wiener Paul Feyerabend, der vor fünf Jahren in Zürich starb, zu den bedeutenden Wissenschaftstheoretikern unseres Jahrhunderts, auch wenn sich sein Name allein mit der absurd-ironischen Formel «Anything Goes» verbunden haben sollte. Das Etikett, ein «anarchistischer Erkenntnistheoretiker» zu sein, hat Feyerabend immer ebenso geärgert wie ihm geschmeichelt: Wie alle «freien Geister» war er stolz auf seine gedankliche und rhetorische Kraft, das Establishment zu Wutausbrüchen zu reizen, um sich sodann auf eine milde Ironie des «Es ist nicht so gemeint» zurückzuziehen zu können und seine Gegner recht begossen erscheinen zu lassen.
Dass sich Feyerabend auch noch kurz vor Ende seines Lebens in der Rolle eines enfant terrible der Wissenschaftsphilosophie gefiel und brillant zu bestehen vermochte, zeigen die von Peter Engelmann herausgegebenen «Trentiner Vorlesungen» mit aller Deutlichkeit. Feyerabend erweist sich einmal mehr als der glänzende Erzähler und souveräne Theoretiker, als mitreissender Rhetor und Anwalt einer Humanität der durchschnittlichen menschlichen Existenz, den wir bereits aus zahlreichen anderen Publikationen kennen. Gerade diese Kombination aus Gelehrsamkeit und Belehrung, aus ironischer Selbstdistanz und Ernsthaftigkeit des Anliegens macht den Reiz der Texte aus, in denen mit derselben Beiläufigkeit neue Erkenntnisse der Astrophysik herangezogen wie die Ansichten frühneuzeitlicher Naturphilosophen referiert werden.
Anti-Haltung
Und mehr noch als in früheren Arbeiten wendet sich Feyerabend immer wieder und immer intensiver jener wissenschaftstheoretischen Achsenzeit des 6. bis 4. vorchristlichen Jahrhunderts zu, in der sich der Konflikt zwischen Vielfalt und Einheit, zwischen Universalismus und Partikularismus im Abendland schliesslich zugunsten der «platonischen» Weltsicht entschieden hatte. Es versteht sich von selbst, dass er sich ebenso energisch wie pathetisch auf die Seite der Vielfalt und der Partikularismen schlägt und immer wieder eine Lanze gegen die Selbstmystifikation des Rationalismus als Denknorm bricht.
In den vier Vorlesungen, die sich genügend weit gefassten Themenstellungen widmen «Realität und Geschichte», «Wissenschaft und Fortschritt», «Theorie und Praxis» und «Wahrheit und Erfahrung» , um je für sich schon eine ganze Philosophie zu beherbergen, kann der Leser noch einmal die Essenz seines Denkens (wenn ein solcher Ausdruck für Feyerabends perspektivisch-relativistisches Denken überhaupt statthaft ist) Revue passieren lassen.
Dass er sich auf die Seite der marginal men stellt und nicht den mainstream verkörpert, ist Feyerabend genüsslich bewusst. Seine Dispute mit Lakatos («der Schuft») und vor allem seine fast manische Gegnerschaft zu («Ajatollah») Popper zeigen unbestreitbar, dass er seinen Methodenpluralismus vor allem als eine Anti-Haltung, aber nicht als Instrument zur Begründung einer eigenständigen Position innerhalb der Wissenschaftstheorie gebrauchen würde. Seine Ausfälle gegen den beflissenen «Handlangerwissenschaftler» scheinen am Ende der Vorlesungen ebenso berechtigt wie schliesslich ermüdend hat der Leser einmal begriffen, dass die Wissenschaften den Prozess der Erziehung zur Mündigkeit, der spätestens mit der Achtundsechziger-Protestbewegung allenthalben die Gesellschaft erfasst hatte, noch weitgehend vor sich haben, drängt es ihn nicht nach weiterer, ermunternder Lektüre, sondern nach selbstbestimmter Fortführung oder eigenverantworteter Handlung. Dies ist zudem gewiss in Feyerabends Sinn: Am Ende ist sein Denken ja, wenn auch auf eigenwillige Weise, ein Kind der Aufklärung: Der Slogan für «freie Menschen» lautet immer noch: «Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!»
Guter Mensch
Ist Feyerabend bereits kurz nach seinem Tod «ein Klassiker» geworden, wenn auch ein Klassiker wider Willen? Eberhard Döring stellt diese Frage gleichsam leitmotivisch über seine «Einführung» in das Denken des «anarchistischen Erkenntnistheoretikers». Das Buch ist eine überzeugende gedankliche Kompression dessen, wofür der Name Feyerabend steht, auf wenigen, gut lesbaren Seiten. Döring referiert in einer gelungenen Collage aus Originalzitaten und Nacherzählung die wichtigsten Etappen der immerhin doch atemberaubend steilen Karriere des Wissenschaftstheoretikers, der es schliesslich so weit gebracht hatte, die Stätten und Konditionen seiner akademischen Tätigkeit selbst zu bestimmen. Und Döring legt übersichtlich dar, wie die wichtigsten Positionen des ehedem verfemten Philosophen ein strikter Anti-Realismus in der Naturphilosophie, der kategorische Verzicht auf Wahrheit in der Epistemologie, die Polemik gegen allen Fortschrittsglauben innerhalb der Wissenschaftsgeschichte, die Feindschaft gegen jede Normierung des wissenschaftlichen Forschens mittlerweile voll «im Trend» liegen: Sie sind heute für viele bereits «Gemeingut», längst nicht mehr «unfein», sondern durchaus zitierfähig.
Döring lässt seine Ausgangsfrage, ob Feyerabend ein «Klassiker» sei, am Ende offen, auch wenn er gewiss zu einer positiven Antwort neigt. Man wird die Frage aber wohl verneinen müssen. es fehlt Feyerabend zum Klassiker, dass seine Ansichten letztlich nur originell, nicht in einem produktiven Sinne originär sind. Er war sich dessen übrigens selbst bewusst, als er schrieb und Döring zitiert diese Passage am Ende seiner Darstellung selbst , seine Aufgabe bestehe darin, die fatalen Schwächen einer alten, nicht die Grundlagen einer neuen Erkenntnistheorie freizulegen. Er war eben ein genialer Spötter und Verächter und im Grunde seines Herzens ein Humanist. Deshalb erscheint es geradezu als selbstverständlich, wenn Döring ihn gegen kleinmütige akademische Kritiker wie Schnädelbach verteidigt und seine Verbalinjurien gegen die Zunft mit Sympathie referiert. Aber, und dies ist gegen Döring festzuhalten, er war kein Denker vom Zuschnitt grosser Revolutionäre des Geistes wie Ludwig Wittgenstein, Thomas Kuhn oder gar Friedrich Nietzsche. Feyerabend wollte nie ein «Klassiker» werden und ist es auch nicht geworden.
Matthias Kross