Wie schon mit "Flowers in the Dirt" ging Paul McCartney auch mit "Off the Ground" auf Tournee, und in beiden Fällen präsentierte er im Anschluss eine Live-CD. Bis auf Schlagzeuger Chris Whitten, der durch Blair Cunningham ersetzt worden war, war dieselbe Band dabei. Ich sah ihn auch auf dieser Tournee am 23.2.'93 in der Festhalle (50,- DM die Karte - das waren noch Zeiten!), und das Konzept knüpfte an das der vorigen Tour an, d.h. neben sieben Songs aus seinem aktuellen Album spielte er weitestgehend alte Beatlessongs, gewürzt mit ein paar Wings- und Solonummern von 1970-1980, nur dass er diesmal etliche selten oder nie zuvor gespielte Beatlessongs im Programm hatte wie All my Loving, I wanna be your Man, And I love her, We can work it out, Drive my Car, Michelle, Paperback Writer, Penny Lane, Fixing a Hole und Magical Mystery Tour. Bis auf den unvermeidlichen Live-Kracher Live and let die gibt es keine Überschneidungen mit "Tripping the Live Fantastic". Diesmal beschränkte Paul sich auf eine Einzel-CD, und statt der üppigen Booklets des Vorgängers gab's diesmal nur ein sparsames Faltposter als Covereinlage.
Die Zutaten stimmten also, und "Paul is Live" hätte eine schöne Fortsetzung von bzw. Ergänzung zu "Tripping the Live Fantastic" werden können (zumal Paul diesmal mutigerweise auf die bewährten Klassiker wie Hey Jude, Let it be, Band on the Run etc. verzichtete; dies ging aber aus verschiedenen Gründen in die Hose. Zwar spielt die Band wie zu erwarten professionell und routiniert, aber der Funke will einfach nicht überspringen - außer bei der peppigen Version von Kansas City/Hey hey hey hey (diesmal mehr an der Wilbur Harrison-Version als an der Little Richard-Version auf "Beatles for sale" orientiert) - passenderweise in Kansas City mitgeschnitten!
Ein paar der "neuen" Live-Songs (We can work it out, Here, there and everywhere, Good Rockin' tonight) hatte man schon zwei Jahre zuvor ähnlich arrangiert auf "Unplugged" gehört; dafür hätte ich mich über eine Liveversion von Another Day gefreut, das Paul nur bei dieser Tour spielte. Auch meinen Lieblingssong von "Off the Ground" vermisse ich hier, das fetzige Get out of my Way!
Ich habe mal gelesen, dass Paul noch fast jedes Konzert seiner Karriere seit den frühen Wings hat mitschneiden lassen, und auf "Tripping" stammte fast jeder Song von einem anderen Auftritt. Auf "Paul is Live" stammen sämtliche Songs, aus welchen Gründen auch immer, von lediglich sechs Konzerten, d.h. Paul hat offensichtlich bei der Suche nach der jeweils besten Version Kompromisse machen müssen; so gibt es I wanna be your Man nur als Soundcheck-, nicht als Konzertversion. Robbie McIntoshs Chet Atkins-Hommage Robbie's Bit reiht sich etwas unmotiviert in die Songabfolge ein. Auch ist der Sound der CD seltsam dumpf und etwas distanziert.
Immerhin hat Paul diesmal seine Soundcheck-Spielereien (die letzten vier Songs) ans Ende der CD verbannt, was aber auch bedeutet, dass nach 66 (von 77) Minuten Schluss ist mit den Konzertaufnahmen. Den versöhnlichen Abschluss der CD bildet immerhin das schöne A fine Day mit Robbie McIntoshs Slidegitarre.
Die affige Persiflage auf das "Abbey Road"-Cover (ausgerechnet!) läßt vermuten, dass Paul meinte, dieser müden CD optisch zu besserem Absatz verhelfen zu müssen. In diesem Zusammenhang ist auch der CD-Titel als Anspielung auf die "Paul is dead"-Gerüchte Ende der Sechziger zu verstehen; auf dem Nummernschild des weißen VW steht jetzt "51 IS" statt wie seinerzeit "281F". Schade, dass diese CD nicht zündet, denn Videos wie das vom 15.6.'93 in Charlotte (gibt's auch als Bootleg), von dem sich hier drei Songs finden, zeigen, dass Konzerte dieser Tour den Titel "Paul is Live" durchaus verdienten.