Ist die "Biografie" von Felstiner eine Biografie? Die faktischen Informationen, die sich in Felstiners Buch zu Paul Celans Leben finden, gehen über einen ausführlichen Wikipedia-Artikel nur in seltenen Momenten hinaus. Ansonsten finden wir in diesem Buch über Celans persönliches Leben, wie er seine Frau kennen gelernt hat, wie die beiden zusammengelebt haben, wie das Verhältnis von Celan zu seinem Sohn war, an welcher psychischen Erkrankung Celan am Ende der 60er Jahre litt etc., nichts Weitergehendes, Vertiefendes. So geht das ständig: Persönliche Belange Celans oder äußere Ereignisse, die mit ihm zu tun haben, werden genannt, aber nicht einmal ansatzweise inhaltlich ausgeführt. So ist z.B. nebenbei die Rede davon, Celan sei in einer bestimmten Situation seines Lebens "gewalttätig" gewesen. Eine Information, die dann mit keinem weiteren Wort erläutert wird. Dieser Mangel an Information kann natürlich daran liegen, dass Felstiner selbst nicht mehr über Celans persönliche Umstände wusste. Dann hätte er diesen Mangel an Wissen aber in seinem Buch kenntlich machen, zumindest auf die unbeantworteten Felder von Celans Biografie hinweisen müssen. Eine Biografie ist Felstiners Buch wohl schon, aber keine gute, keine, die ich weiterempfehlen würde.
Den Mangel an biografischer Information "kompensiert" Felstiner nun dadurch, dass er viele Gedichte von Paul Celan ausführlich zitiert und bespricht. Zugegeben, die Gedichte von Celan sind nicht einfach zu verstehen, die Hinweise und Interpretationen, die Felstiner gibt, erscheinen mir aber (bis auf wenige Ausnahmen) als ein wüster Haufen von Assoziationen, die sich an vereinzelten Begriffen der Gedichte Celans entzünden. Ich hatte nie den Eindruck, dass Felstiner den Sinn einzelner Zeilen in ihrem Zusammenhang aufdeckt oder erklärt. Er greift sich einzelne Wörter und hängt an diese dann eine Welt ähnlich klingender Begriffe oder eine Reihe von Büchern, in denen dieses von Celan verwendete Wort auch verwendet wird. So kommt Felstiner immer wieder zu den von ihm erwünschten inhaltlichen Ergebnissen. Das Ergebnis dieser Methode Felstiners, das zwar zu seitenlangem Wortgeklingel, aber nicht zu einer Art Entdeckung der Gedichte führt, wird wohl häufig ein sich im Verlauf der Lektüre steigerndes Desinteresse an dem Dichter Celan sein.