Jede Live-CD läuft Gefahr, zu langweilen. Denn sie bietet doch nur die Lieder, die auf den Studioalben des Interpreten zu finden sind. In erster Linie wendet sich ein Livealbum also an Fans, die Lieder zur Abwechslung mal in einer neuen Variante hören möchten, und an Konzertbesucher, die das Konzert genossen haben und nun diese Momente nachzuempfinden versuchen. Und diesen Ansprüchen wird die erste CD des Doppelalbums "Ce séra nous" von Patricia Kaas durchaus gerecht! Insbesondere das Medley aus alten Hits, das sie in kleiner Besetzung darbietet, ist auf der CD großartig eingefangen. Für den Fan ist besonders die Kombination aus vier Streichern und Band interessant, die auch den bekannten Chansons eine neue, durchaus interessante Färbung gibt. Ebensowenig fehlt die für eine Live-CD typische gesteigerte Instensität der Darbietung. Allerdings kann "Ce sera nous" in dieser Hinsicht dem vorangegangenen Livealbum "Rendez-vous" (5 Sterne, uneingeschränkt zu empfehlen!) nicht ganz das Wasser reichen.
Die zweite CD leidet darunter, daß bereits auf der ersten ein kleines Streichensemble die Chansons begleitet. Der Unterschied im Arrangement zwischen den beiden CDs erscheint geringer, als er tatsächlich ist. Außerdem gewinnt man den Eindruck, daß die Chance vertan wurde, so manche Lieder mit noch mehr Pomp zu kleinen Musikdramen auszubauen. Viele mögen es kitschig oder schnulzig finden, aber es gibt Lieder wie "Je voudrais la connaître", die es meines Erachtens durchaus vertragen, wenn man ihnen noch mehr Grandesse zugesteht, als es auf dem Album "Dans ma chair" schon der Fall ist. Zudem erscheint die zweite CD mehr als Studioproduktion denn als Livealbum. Man hört zwar das Publikum, aber von der Liveatmosphäre, die auf der ersten CD deutlich zu spüren ist, merkt man nichts.
Warum dennoch vier Sterne von fünfen? Weil die Platte für Fans und Konzertbesucher trotzdem ein Genuß ist! Patricia Kaas' Stimme weiß auch auf diesen Alben zu verzaubern, und wenn sie auf der ersten CD die Zugabe "Avec le temps" von Léo Ferré singt, dann liegt darin so viel Schmerz und Verzweiflung, so viel Ausdruck, wie ihn keine andere zeitgenössische französischsprachige Sängerin in ein Lied zu legen weiß. Die zweite CD führt zu einem Punktabzug, aber auch sie hat durchaus ihre Stärken, wenn etwa das von JJ Goldman geschriebene "Les chansons commencent" sein ganzes symphonisches Potential so richtig ausspielen darf.
Wie gesagt, es ist eine Platte für Konzertbesucher und Fans, aber denen ist sie uneingeschränkt zu empfehlen!