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Der vorliegende Band stellt dabei eine besondere Überraschung dar: Frühe Stories, teilweise zum ersten Mal auf Deutsch, teilweise zum ersten Mal überhaupt veröffentlicht. Und wie bei ihrem Erstling Zwei Fremde im Zug ist es erstaunlich, wie selbstsicher diese Erzählungen daherkommen. Verglichen mit ihren späteren Werken könnte man feststellen, dass die Autorin noch nach Stoffen sucht, die ihr liegen. Aber hinsichtlich Stil und Charakterzeichnung sind sie so ausgereift, dass man geradezu spürt, wie viel verworfenes Material ihnen vorausgegangen sein muss.
Ein Beispiel: "Das große Kartenhaus", geschrieben 1949, erste und einzige Veröffentlichung 1963 in einer englischsprachigen Zeitschrift. Geschildert wird eine -- paradigmatische -- Episode aus dem Leben des Kunstsammlers Lucien Montlehuc. Montlehuc ist ein blasierter Stutzer mit einem liebenswerten Tick -- er sammelt Fälschungen. Sein Kunstverstand gilt als unfehlbar, und so fühlt er sich bis in die Grundfesten seines Selbstverständnisses erschüttert, als er eines Tages aus Versehen ein echtes Bild kauft. Mit sicherer Hand zergliedert Patricia Highsmith ihren Helden, um ihm am Ende der Geschichte auf überraschende Weise sein Selbstbewusstsein zurückzugeben.
14 Erzählungen sind in Die stille Mitte der Welt versammelt, und es ist keine dabei, die nicht ihren ganz eigenen Reiz hätte. Dabei ist der Blick der Autorin auf ihre Figuren meist überraschend liebevoll -- das zumindest wird sich später ändern. Wer Patricia Highsmith kennt und schätzt, sollte sich dieses Buch nicht entgehen lassen. Für den Einstieg ist beispielsweise Das Zittern des Fälschers besser geeignet. --Hannes Riffel
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Diese Erzählungen aus den Jahren 1939 bis 1950 sind keine Kriminalgeschichten. Vielmehr vereint der Band thematisch und stilistisch sehr unterschiedliche Geschichten. Manche erscheinen wie kleine Seelenporträts: Zum Beispiel "Die stille Mitte der Welt" (1947) die von Mrs. Robertson und ihrem Sohn Philip erzählt. Gemeinsam besuchen sie in New York einen Park. Dort lernt Philip Dickie, einen anderen Jungen, kennen. Sie spielen miteinander und freunden sich an. Doch Dickies Mutter, die sich gleichzeitig mit ihrem Liebhaber im Park trifft, ist Mrs. Robertson ein Dorn im Auge. Voller Neid und unangenehm berührt vom Anblick des Liebespaares beschließt Mrs. Robertson, den Park nicht mehr aufzusuchen. Die Freundschaft zwischen den beiden Jungen unterbindet sie.
Andere Erzählungen, wie etwa "Unbefleckte Empfängnis" (vermutlich 1942 entstanden), wirken wie Stilübungen. Fast nur in Dialogform erfährt der Leser die Geschichte des Mörders Arthur und der offenbar in einem religösen Wahn gefangenen Emma. In zwei Erzählungen "Die Morgen des ewigen Nichts" (1945/46) und "Ein wahnsinnig netter Mann" (um 1940) greift Highsmith andeutungsweise das Thema Pädophilie auf. Zudem zeigt sich schon in "Die Morgen des ewigen Nichts" die Fähigkeit der Autorin, schnörkellos und realistisch Figuren zu zeigen, die in ihren eigenen Zwängen und Ängsten gefangen sind. Der New Yorker Taxifahrer Aaron Bentley kommt in eine Kleinstadt, um dort Ruhe zu finden. Er freundet sich mit einem kleinen Mädchen an. Argwöhnisch betrachten die Bewohner die harmlose Freundschaft zwischen Mann und Mädchen. Doch anstatt gegen die Vermutungen seiner Umwelt anzugehen, nimmt er die nicht vorhandene Schuld auf sich und flüchtet aus der Stadt.
Patricia Highsmith versteht es schon in ihren frühen Erzählungen, mit knapper, präziser Prosa ohne Effekthascherei seelische Abgründe ganz „normaler" Menschen darzustellen. Schon hier zeigt sie ihr Können in der von ihr so geliebten erzählerischen Ökonomie. Für Highsmith-Kenner bietet der Band, der durch ein vorzügliches Nachwort und eine sorgfältige Edition glänzt, einen klaren, erfrischenden Blick auf die Gesellenstücke einer Schriftstellerin, die in ihrem Heimatland leider viel zu oft als Lieferantin von spannenden Filmstoffen angesehen wurde.
Highsmith-Neulinge hingegen erhalten durch die meisten Erzählungen einen gelungenen Einstieg in das literarische Schaffen der Autorin. Ein Werk, das sich nie um die scharfe Trennung von spannender Unterhaltung und literarischem Anspruch gekümmert hat. Highsmith vereint beides in ihren Büchern und das darf - Dank der Neuausgabe - nun (wieder) entdeckt werden.
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