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Frank Bajohrs Studie beweist: Korruption war im "Führerstaat" nicht die Ausnahme, sie war die Regel. Als ein unverzichtbares "Schmiermittel" für die politischen Klientelstrukturen wurde sie vom NS-Regime teils toleriert, teils institutionalisiert, und nur in Ausnahmefällen strafrechtlich geahndet. Nutznießer waren nicht nur die herrschenden Eliten. Viele Parteimitglieder, besonders die "Alten Kämpfer", wurden nach der "Machtergreifung" mit Posten und finanziellen Zuwendungen für ihre Loyalität belohnt. Andere belohnten sich selbst. Allein von 1934 bis 1941 strengte der NSDAP-Reichsschatzmeister wegen derartiger Vergehen 10.887 Strafverfahren an. Und dies war nur die Spitze des Eisberges.
Wie Bajohr zeigt, verkam die politische Korruption mit der "Arisierung" jüdischen Eigentums, dem Holocaust und der Ausplünderung der besetzten Gebiete zu einer Massenerscheinung, die sich funktional reibungslos in den Völkermord einfügte. Nicht bloß die Täter, auch viele einfache "Volksgenossen" bereicherten sich am Besitz deportierter und ermordeter Juden und profitierten so von der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik. Korruption war damit im "Dritten Reich" kein "isoliertes Randphänomen" mehr, sie war eine "soziale Praxis", die "ganz normale Deutsche" in vielfältige Weise mit den Verbrechen des Regimes verstrickte. --Stephan Fingerle -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Neue Zürcher Zeitung
Eine Studie zur Korruption im Nationalsozialismus
Dass der Nationalsozialismus keineswegs nur «idealistisch», sondern «höchst wirtschaftsmaterialistisch» orientiert war, hatten schon Zeitgenossen wie der deutsche Soziologe Theodor Geiger 1932 erkannt. Kaum ein Geschichtsbuch kommt ohne eine Anekdote zur Verschwendungssucht der «Goldfasane» aus. Aber erst jetzt hat der Hamburger Historiker Frank Bajohr ein ebenso lesbares wie lesenswertes Buch über die Korruption in der NS-Zeit vorgelegt, das mehr will, als nur den hohlen Anspruch der Nationalsozialisten mit der verwerflichen Wirklichkeit zu konfrontieren.
Bajohr analysiert, in Kenntnis der neueren sozialwissenschaftlichen Forschung zum Thema, das Phänomen Korruption nicht vornehmlich als Abweichung von einer rechtsstaatlichen Norm, sondern als Bestandteil sozialer Praxis, als Element der Herrschaft des Nationalsozialismus. Zwar begann das NS-Regime, gerade zur Macht gekommen, mit einer Kampagne zur Aufdeckung angeblicher Korruptionsfälle aus der «Systemzeit» allein in Preussen waren im Sommer 1933 über 1500 Ermittlungsfälle bei den Staatsanwaltschaften anhängig. Aber schon bald wurde deutlich, dass man sich damit eher ins eigene Fleisch schnitt. Denn die «alten Kämpfer» der NSDAP, die in ihrer eigenen Wahrnehmung jahrelang unter den schwierigsten Bedingungen entbehrungsreich für «Führer» und Partei gearbeitet hatten, forderten nun ihren «Lohn» ein und verlangten ein gehöriges Stück vom Staatskuchen.
Um die Loyalität dieser wichtigen Klientel nicht zu verlieren, beschloss die NS-Führung, diejenigen Parteigenossen mit Mitgliedsnummern bis 300 000 bevorzugt in Staatsstellungen unterzubringen, ein Nepotismus sondergleichen. Doch auch die übrigen kleineren und grösseren NS-Potentaten schanzten ihren Gefolgsleuten staatliche Stellen zu oder schafften neue, um «verdiente Genossen» zu versorgen oder politische Konkurrenten ruhig zu stellen. Jeder Gauleiter, so belegt Bajohr mit etlichen Beispielen, besass Sonderfonds und schwarze Kassen, um am offiziellen Haushalt vorbei politischen Einfluss zu nehmen. Die von den Gauleitern geschaffenen Stiftungen verwalteten oft ein Millionenvermögen, da sie nicht nur durch Spenden aus der Privatwirtschaft gespeist wurden, sondern selbst florierende Wirtschaftsunternehmen übernahmen bzw. «treuhänderisch» verwalteten.
So war es vor allem die «Arisierung» des jüdischen Vermögens, das der Korruption und Bestechung im NS-Regime Tür und Tor öffnete. In einem beispiellosen «Bereicherungswettlauf», wie es der israelische Historiker Avraham Barkai genannt hat, liessen Tausende von Deutschen ihrer Habgier freien Lauf. Ebenso wie im Reich raubten deutsche Besatzungsangehörige in den besetzten Gebieten jüdisches Eigentum, rafften zusammen, was sie nur ergattern konnten, oder verschoben beschlagnahmte Waren lukrativ auf dem schwarzen Markt. Damit aber, so analysiert Bajohr, entstand ein bedeutsames Strukturproblem für das NS-Regime. Denn sosehr es sich auf der einen Seite durch Dotationen Hitler selbst stattete bekanntlich seine Generäle mit grosszügigen Checks und Landgütern aus Loyalität sicherte, so hoch war auf der anderen Seite der Verlust der Kontrolle über die wuchernde Schattenwirtschaft. Himmler zum Beispiel, dem es besonders darauf ankam, dass der Massenmord aus weltanschaulichen Gründen geschah und die Täter «anständig» blieben, bestrafte Korruptionsfälle innerhalb der SS exemplarisch.
Doch die Zerstörung jedweder normenstaatlicher Kontrolle und die auf dem persönlichen Führerprinzip gründende Struktur des NS-Staates förderten unausweichlich Kameraderie und Cliquenwirtschaft mit Korruption als materieller Basis. Als in den letzten Kriegsjahren die «Volksgenossen» unter Bombardierung und Entbehrungen litten, liessen Schiebergeschäfte, Protzereien von NS-Funktionären und Bereicherungen die Stimmung in der Bevölkerung gefährlich kippen. Die Korruption als Medium der Loyalität verkehrte sich in ihr Gegenteil.
Es gab noch eine andere Dimension der Korruption, die Bajohr erwähnt, aber nicht weiter ausführt: die Bestechung als Überlebensmittel für die Opfer. Hätte es nicht Tausende korrupter NS-Schergen gegeben, so hätten zahlreiche Opfer kaum eine Chance des Entkommens gehabt. Gerade in dieser Perspektive wird die Dimension des Phänomens Korruption erkennbar, die nicht nur dem Wohlleben der Mächtigen dient, nicht nur den Kitt der Herrschaft darstellt, sondern in einer terroristischen Diktatur, die jeden rechtsstaatlichen Weg zerstört hat, oft die einzige Möglichkeit für die Ohnmächtigen bedeutet, das ihnen zugedachte Schicksal vielleicht abwenden zu können. Es ist daher schade, dass sich Frank Bajohr, der die Täterseite differenziert und anschaulich untersucht, nicht noch die Zeit genommen hat, um die Seite der Opfer ebenso ausführlich zu analysieren. Selten genug: Hundert Seiten mehr hätten diesem intelligenten Buch gut getan.
Michael Wildt -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.