Aus der Amazon.at-Redaktion
Canetti hat in seinen letzten Lebensjahren noch selbst am Manuskript gefeilt, konnte es aber nicht mehr fertig stellen. Es existieren deshalb mehrere handschriftliche Fassungen und ein Konvolut von Tagebüchern und Notizen, aus denen nun der Band zusammengestellt wurde und das merkt man ihm auch an. Das vorliegende Ergebnis ist deshalb etwas zwiespältig. Während er in seinen großen autobiografischen Büchern, wie Die gerettete Zunge oder Das Augenspiel ungemein verdichtet, sprachlich ausgefeilt und sehr einfühlsam in der Charakterisierung der Personen ist, so gibt es hier Brüche.
Manches erscheint grob skizzenhaft, fast holzschnittartig. Viel stärker kommt hier eine egozentrische, eifersüchtige Person zum Vorschein, die sich eine Position erst erkämpfen musste, denn als Autor war Canetti von seinem früheren Publikum abgeschnitten und in England kannten ihn nicht viele. Die Abgeklärtheit und Souveränität fehlt mitunter, wenn er in harschen Worten über andere Kollegen urteilt. Etwa wenn er T.S. Eliot als "abgrundschlecht" bezeichnet oder seine späten Stücke schlicht als impotent abtut. Auch Iris Murdoch, deren Liebhaber er einige Zeit war, kommt nicht besser weg. Andere Szenen hingegen zeigen den großen souveränen Autor, der feinfühlig die Angst der Menschen vor den Bombenangriffen beschreibt. Trotz aller Unausgewogenheit ist man vielleicht Canetti in diesen Aufzeichnungen näher und das macht sie wieder lesenswert.
Im Gegensatz zu den anderen Ausgaben seiner Lebenserinnerungen wurde der Band mit Fotos ausgestattet sowie mit Anmerkungen, einem Register und einem ausführlichen erklärenden Nachwort von Jeremy Adler versehen. --Tobias Hierl
Pressestimmen
Kurzbeschreibung
Über den Autor
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Auszug aus Party im Blitz von Elias Canetti. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Ich bin in Verwirrung über England, es war ein ganzes Leben, eingefügt in ein Früher und Später und im Grunde ausreichend für alles.
Ich muß nach dem Chaos überlegen, was aus dieser scheinbaren Ordnung zu gewinnen ist. Ach, welche Ordnung. Man war nahe daran zu glauben: eine Ordnung für ewig. Kaum war der Krieg gewonnen, die Siegesfeier, das Feuer auf der Heath, begann der Zerfall. Eine Weile noch hielt man sich in der Ordnung des Krieges. Vieles war rationiert, man trug es diszipliniert. Murren ist in diesem Lande nie gefährlich - so schien es. Es muß einmal gefährlich gewesen sein, als die biblischen Streitigkeiten ausbrachen, in jenem fernen 17. Jahrhundert. An diese Zeit vermag ich noch immer nicht zu glauben. Es kommt mir wie eine sehr aufgeregte Geschichte vor, mit wunderbaren Berichten. Eine Sprache, die noch gar der Bibelübersetzung entstammt oder dem großen Drama. Wie dicht war England damals? Schottland war noch Schottland und Irland erst scheinbar erobert. Aber Engländer tummelten sich schon auf allen Meeren, plünderten Spanier, führten gegen Holländer Krieg, köpften ein Jahr nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges ihren König. Wie hing das zusammen? Wurde dieser Krieg auf die Insel verlagert, kaum war er auf dem Festland endlich beschlossen?
Ich denke an die großen Dichter seit Shakespeare, die noch in dieses 17. Jahrhundert hinüberreichen: ein Ben Jonson, John Donne, Milton, Dryden, und an den jungen Swift. Welche Prosa in der ersten Hälfte! Burton, Sir Thomas Browne, John Aubrey, nie werde ich genug von ihnen gelesen haben. Bunyan, George Fox. Hobbes, dieser allein schon unermeßlich. Wie kümmerlich Deutschland damit verglichen! Spanien mehr. Frankreich genug, aber die größte Literatur von allen in diesem Jahrhundert ist die englische.
Sie ist auch im nächsten mehr als die aller andern. Im r9. Jahrhundert immer noch. Was ist ihr in diesem Jahrhundert geschehen! Ich hatte in England gelebt, als sein Geist zerfiel. Ich war Zeuge des Ruhmes eines Eliot. Wird man sich je genug dessen schämen? Ein Amerikaner bringt einen Franzosen mit aus Paris, der jung verschwand (Laforgue), träufelt seinen Lebensekel auf ihn, lebt wahrhaftig als Bankangestellter, während er alles Frühere taxiert, verringert, was immer mehr Atem hat als er, läßt sich von seinem verschwenderischen Landsmann, der die Größe und Spannung eines Verrückten hat, beschenken und rückt mit dem Ergebnis heraus: seiner Impotenz, die er dem ganzen Lande mitteilt, ergibt sich jeder Ordnung, die alt genug ist, sucht jeden Elan zu verhindern, ein Wüstling des Nichts, Ausläufer Hegels, Schänder Dantes (in welche Höllenregion würde ihn dieser sperren?), dünnlippig, kaltherzig, frühalt, Blakes unwürdig wie Goethes und jeder Lava, erkaltet bevor er heiß war, weder Katze noch Vogel noch Kröte, schon gar nicht Maulwurf, gottgehorsam, nach England gesandt (als wäre ich zurück nach Spanien), mit kritischen Spitzen statt Zähnen, von einer mannstollen Frau gequält - seine einzige Entschuldigung -, so sehr gequält, daß ihm die "Blendung" eingegangen wäre, wenn er sich an sie gewagt hätte, einen höflichen Tom in Bloomsbury, von der edlen Virginia erlaubt und eingeladen, allen, die ihn zu Recht gerügt haben, entronnen, und schließlich durch einen Preis ausgezeichnet, den nicht Virginia, nicht Pound, nicht Dylan, den niemand, der ihn verdient hätte - außer Yeats - bekam.
Von dem Ruhm dieser erbärmlichen Figur war ich Zeuge. Ich hörte von ihm zuerst - ich kannte nicht seinen Namen -, als ich - in der allerersten Zeit - in Hyde Park Gardens wohnte. Jasper Ridley, ein junger Mann, der Oxford hinter sich hatte und ganz wenige Monate vor Kriegsausbruch der Mann der Cressida Bonham-Carter wurde, nannte ihn freundlich belehrend als den Neuen, den eigentlichen Dichter und machte mir zur "Einführung" seine "Elizabethan Essays" zum Geschenk. Wenige Jahre später fiel er blutjung im Krieg und Cressida, seine Witwe blieb mit einem kleinen Sohn von ihm zurück. Diesem freundlichen, eifrigen, offenen, heiteren, schwachen Mann, dem ich das beste Andenken bewahre, verdanke ich den Namen der trockensten Figur des Jahrhunderts, von der ich später, zum Kriegsende, als er sich der Religion seiner Vorfahren zuwandte, um sie für die der Könige aufzugeben, mehr und mehr hörte, so viel, daß beinahe nichts anderes übrig blieb.
An dieser Figur hätte ich erkennen müssen, was mit England geschieht. Aber der Krieg kam dazwischen, in dem England der Welt als letztes sein Bestes gab, den ersten Widerstand gegen den Wahn, der alles zu verschlingen drohte. Man ist diesem Land für vieles dankbar, aus der wahren Geschichte der Menschheit läßt es sich so wenig auslassen wie Florenz und Venedig, Athen und Paris. Aber daß ich in dieser selben Zeit des Krieges das Glück seiner.....empfing, machte mich unempfindlich für den Geruch der Entkräftung, der von Eliot ausging.
(...)
-- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe:
Taschenbuch
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