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Party im Blitz: Die englischen Jahre
 
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Party im Blitz: Die englischen Jahre [Gebundene Ausgabe]

Elias Canetti , Jeremy Adler , Kristian Wachinger
3.4 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (5 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.at-Redaktion

Im Nachlass von Elias Canetti scheint man immer wieder fündig zu werden. Schon öfters wurden weitere Bände seiner Aufzeichnungen oder neue Zusammenstellungen (zuletzt Über den Tod) herausgegeben. Mit Party im Blitz erscheint nun gewissermaßen der vierte Band seiner Lebenserinnerungen. Die Kriegs- und Nachkriegsjahre in England sollten diese Aufzeichnungen umfassen. Der Titel ist einfühlsam gewählt, denn "Blitz" wurden die Angriffe der deutschen Luftwaffe auf England während des Zweiten Weltkrieges genannt. Trotzdem ließen sich die Engländer nicht von einer "Party" abhalten.

Canetti hat in seinen letzten Lebensjahren noch selbst am Manuskript gefeilt, konnte es aber nicht mehr fertig stellen. Es existieren deshalb mehrere handschriftliche Fassungen und ein Konvolut von Tagebüchern und Notizen, aus denen nun der Band zusammengestellt wurde und das merkt man ihm auch an. Das vorliegende Ergebnis ist deshalb etwas zwiespältig. Während er in seinen großen autobiografischen Büchern, wie Die gerettete Zunge oder Das Augenspiel ungemein verdichtet, sprachlich ausgefeilt und sehr einfühlsam in der Charakterisierung der Personen ist, so gibt es hier Brüche.

Manches erscheint grob skizzenhaft, fast holzschnittartig. Viel stärker kommt hier eine egozentrische, eifersüchtige Person zum Vorschein, die sich eine Position erst erkämpfen musste, denn als Autor war Canetti von seinem früheren Publikum abgeschnitten und in England kannten ihn nicht viele. Die Abgeklärtheit und Souveränität fehlt mitunter, wenn er in harschen Worten über andere Kollegen urteilt. Etwa wenn er T.S. Eliot als "abgrundschlecht" bezeichnet oder seine späten Stücke schlicht als impotent abtut. Auch Iris Murdoch, deren Liebhaber er einige Zeit war, kommt nicht besser weg. Andere Szenen hingegen zeigen den großen souveränen Autor, der feinfühlig die Angst der Menschen vor den Bombenangriffen beschreibt. Trotz aller Unausgewogenheit ist man vielleicht Canetti in diesen Aufzeichnungen näher und das macht sie wieder lesenswert.

Im Gegensatz zu den anderen Ausgaben seiner Lebenserinnerungen wurde der Band mit Fotos ausgestattet sowie mit Anmerkungen, einem Register und einem ausführlichen erklärenden Nachwort von Jeremy Adler versehen. --Tobias Hierl

Pressestimmen

"An Glanz der Formulierungen, an Knappheit und Konzentration steht dieser letzte Band den vorangehenden nicht nach." Andreas Isenschmid, Neue Zürcher Zeitung, 03.08.03 "'Party im Blitz' (bietet) außerordentliches Lektürevergnügen ... Wer etwas über das England der vergangenen Jahrhundertmitte erfahren will, der ist mit "Party im Blitz" bestens bedient." Ulrich Weinzierl, Die Welt, 23.08.03 ""Party im Blitz" ist ein grandioses Buch, denn die nahezu brutale Kraft von Canettis Zugriff auf seine Umgebung überträgt sich auf den Leser." Andreas Platthaus, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.10.03 "Die Lebensgeschichte von Elias Canetti ist um einen Band reicher." Martin Ebel, Tages-Anzeiger Zürich, 09.08.03 "Diese englischen Erinnerungen können als literarische Sensation gelten ... Lebenserinnerungen sind immer Dokumente der Verwandlung - von Vergangenheit in Gegenwart, von Menschen in literarische Figuren, von Stoffmasse in Formmacht. An Canettis englischen Erinnerungen können wir diesem oft gewaltsamen Maskenspiel noch einmal in höchster Kunstfertigkeit zusehen." Richard Kämmerlings, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.07.03 "Der Meister lässt sich ungewollt in die Karten schauen, und wir sehen tatsächlich einen Canetti, wie wir ihn noch nicht kannten." Martin Ebel, Berliner Zeitung, 29.01.04

Kurzbeschreibung

Ein unverblümter Text über seine Jahre in England, den sich Canetti nicht zu veröffentlichen traute: über verarmende Adlige und wirklich arme Emigranten, über eitle Dichter und schöne Malerinnen und über seine Liaison mit der später berühmten Autorin Iris Murdoch. Mit dem Nachwort des Londoner Literaturwissenschaftlers Jeremy Adler und Fotografien aus der Zeit ein wichtiges Stück zu Canettis Autobiographie. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .

Über den Autor

Elias Canetti, geboren 1905 in Rustschuk/Bulgarien, emigrierte 1938 nach England, erhielt 1981 den Nobelpreis für Literatur und starb 1994 in Zürich. Sein Werk, darunter die autobiographische Trilogie "Die gerettete Zunge", "Die Fackel im Ohr" und "Das Augenspiel", erscheint im Hanser Verlag und im Fischer Taschenbuch Verlag. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Als der Blitzkrieg über London begann, einige Monate nach Dünkirchen, im gefährlichsten Zeitpunkt der englischen Geschichte, erlebte ich in seinem Hause eine Party, die mir vor Augen bliebe, auch wenn ich fünfhundert Jahre danach noch am Leben wäre. Sein Haus war höher als die meisten in Downshire Hill. Es hatte drei Stockwerke, die meisten andern nur zwei. Es war aber schmal wie die andern alle. In jedem Stock waren höchstens ein oder zwei Zimmer. Sie waren von Menschen erfüllt, die tranken und tanzten. Sie standen mit den Gläsern in der Hand da, wie es hier Sitte war, aber mit ausdrucksvollen Gesichtern, was hier gegen die Sitte ging. Es waren manche junge Offiziere in Uniform darunter, lebhaft, ja beinah lebenslustig, von lauten Sätzen überquellend, die man gehört hätte, wenn sie in der Musik nicht untergegangen wären. Die Tanzenden, besonders die Frauen, hatten etwas Aufgerissenes und genossen ihre Bewegungen wie die des Partners. Die Atmosphäre war dicht und heiß, und niemand kümmerte sich darum, daß man Bomben-Einschläge hörte, eine furchtlose und dabei sehr lebendige Gesellschaft. Ich hatte im obersten Stock begonnen, ich traute kaum meinen Augen und ich ging in den zweiten hinunter und traute ihnen noch weniger. Jeder Raum schien feuriger als der, in dem man sich vorher umgetan hatte. In den tieferen Räumen sonderte man sich etwas mehr ab, Pärchen saßen und hielten einander umarmt, die Musik durchdrang uns heiß von oben bis unten, man gab sich mit Umarmungen und Küssen zufrieden, nichts wirkte lasziv, im Basement, wie man hier das Untergeschoß nannte, geschah das Erstaunlichste. Die Türe nach außen wurde aufgerissen, Männer in Feuerwehrhelmen griffen nach Kübeln mit Sand, die sie im Schweiß ihres Angesichts in größter Geschwindigkeit hinaustrugen. Sie achteten auf nichts, das sie im Raum vor sich sahen, in ihrer Eile, die brennenden Häuser in der Nachbarschaft zu schützen, griffen sie wie blind nach den sandgefüllten Kübeln. Es muß eine Unzahl davon gegeben haben, die Paare, es waren hier unten nicht ganz so viele, hielten sich weiter umschlungen, niemand sprang auf, kein Mensch löste sich vom andern, es war, als ginge sie das keuchende, verschwitzte Treiben überhaupt nichts an, zwei verschiedene Tierarten, die einander aus dem Wege gingen, so schien es, aber dieser Anschein trog, denn die Feuerwehr an diesem Abend bestand aus Freiwilligen derselben Straße, unter ihnen der eine oder der andere junge Dichter, die ich in solchen Leibesmühen nie erkannt hätte. Es ist zu sagen, daß Luftangriffe zu dieser Zeit noch keineswegs dasselbe waren wie in späteren Perioden (wie auf deutsche Städte etwa, die ganz vernichtet wurden), es war etwas, dessen Schrecken eigentlich nur darin bestand, daß man es noch kaum kannte. Ich verließ das Haus, nach vielleicht einer Stunde, ich war weder in Angst noch Empörung: wohl waren mir die unerschütterlichen Liebespaare neben den keuchenden Feuerwehrmännern peinlich, aber da diese nicht die geringste Verwunderung zeigten, sie stürzten hinein und wieder hinaus, sie trachteten nicht aneinanderzustoßen, daß sie einander nicht behinderten, war ihnen so wichtig wie den sich umklammernden Paaren, daß sie nicht voneinander ließen. In beiden war Entschlossenheit, ich staunte über diese Selbstbeherrschung der Engländer, die sich von nichts und niemand beirren lassen, schämte mich für meine Scham und begann zu ahnen, worin eigentlich der Puritanismus der Engländer bestand, den ich immer bewundert und gefürchtet hatte.

Auszug aus Party im Blitz von Elias Canetti. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Aus England

Ich bin in Verwirrung über England, es war ein ganzes Leben, eingefügt in ein Früher und Später und im Grunde ausreichend für alles.
Ich muß nach dem Chaos überlegen, was aus dieser scheinbaren Ordnung zu gewinnen ist. Ach, welche Ordnung. Man war nahe daran zu glauben: eine Ordnung für ewig. Kaum war der Krieg gewonnen, die Siegesfeier, das Feuer auf der Heath, begann der Zerfall. Eine Weile noch hielt man sich in der Ordnung des Krieges. Vieles war rationiert, man trug es diszipliniert. Murren ist in diesem Lande nie gefährlich - so schien es. Es muß einmal gefährlich gewesen sein, als die biblischen Streitigkeiten ausbrachen, in jenem fernen 17. Jahrhundert. An diese Zeit vermag ich noch immer nicht zu glauben. Es kommt mir wie eine sehr aufgeregte Geschichte vor, mit wunderbaren Berichten. Eine Sprache, die noch gar der Bibelübersetzung entstammt oder dem großen Drama. Wie dicht war England damals? Schottland war noch Schottland und Irland erst scheinbar erobert. Aber Engländer tummelten sich schon auf allen Meeren, plünderten Spanier, führten gegen Holländer Krieg, köpften ein Jahr nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges ihren König. Wie hing das zusammen? Wurde dieser Krieg auf die Insel verlagert, kaum war er auf dem Festland endlich beschlossen?
Ich denke an die großen Dichter seit Shakespeare, die noch in dieses 17. Jahrhundert hinüberreichen: ein Ben Jonson, John Donne, Milton, Dryden, und an den jungen Swift. Welche Prosa in der ersten Hälfte! Burton, Sir Thomas Browne, John Aubrey, nie werde ich genug von ihnen gelesen haben. Bunyan, George Fox. Hobbes, dieser allein schon unermeßlich. Wie kümmerlich Deutschland damit verglichen! Spanien mehr. Frankreich genug, aber die größte Literatur von allen in diesem Jahrhundert ist die englische.
Sie ist auch im nächsten mehr als die aller andern. Im r9. Jahrhundert immer noch. Was ist ihr in diesem Jahrhundert geschehen! Ich hatte in England gelebt, als sein Geist zerfiel. Ich war Zeuge des Ruhmes eines Eliot. Wird man sich je genug dessen schämen? Ein Amerikaner bringt einen Franzosen mit aus Paris, der jung verschwand (Laforgue), träufelt seinen Lebensekel auf ihn, lebt wahrhaftig als Bankangestellter, während er alles Frühere taxiert, verringert, was immer mehr Atem hat als er, läßt sich von seinem verschwenderischen Landsmann, der die Größe und Spannung eines Verrückten hat, beschenken und rückt mit dem Ergebnis heraus: seiner Impotenz, die er dem ganzen Lande mitteilt, ergibt sich jeder Ordnung, die alt genug ist, sucht jeden Elan zu verhindern, ein Wüstling des Nichts, Ausläufer Hegels, Schänder Dantes (in welche Höllenregion würde ihn dieser sperren?), dünnlippig, kaltherzig, frühalt, Blakes unwürdig wie Goethes und jeder Lava, erkaltet bevor er heiß war, weder Katze noch Vogel noch Kröte, schon gar nicht Maulwurf, gottgehorsam, nach England gesandt (als wäre ich zurück nach Spanien), mit kritischen Spitzen statt Zähnen, von einer mannstollen Frau gequält - seine einzige Entschuldigung -, so sehr gequält, daß ihm die "Blendung" eingegangen wäre, wenn er sich an sie gewagt hätte, einen höflichen Tom in Bloomsbury, von der edlen Virginia erlaubt und eingeladen, allen, die ihn zu Recht gerügt haben, entronnen, und schließlich durch einen Preis ausgezeichnet, den nicht Virginia, nicht Pound, nicht Dylan, den niemand, der ihn verdient hätte - außer Yeats - bekam.
Von dem Ruhm dieser erbärmlichen Figur war ich Zeuge. Ich hörte von ihm zuerst - ich kannte nicht seinen Namen -, als ich - in der allerersten Zeit - in Hyde Park Gardens wohnte. Jasper Ridley, ein junger Mann, der Oxford hinter sich hatte und ganz wenige Monate vor Kriegsausbruch der Mann der Cressida Bonham-Carter wurde, nannte ihn freundlich belehrend als den Neuen, den eigentlichen Dichter und machte mir zur "Einführung" seine "Elizabethan Essays" zum Geschenk. Wenige Jahre später fiel er blutjung im Krieg und Cressida, seine Witwe blieb mit einem kleinen Sohn von ihm zurück. Diesem freundlichen, eifrigen, offenen, heiteren, schwachen Mann, dem ich das beste Andenken bewahre, verdanke ich den Namen der trockensten Figur des Jahrhunderts, von der ich später, zum Kriegsende, als er sich der Religion seiner Vorfahren zuwandte, um sie für die der Könige aufzugeben, mehr und mehr hörte, so viel, daß beinahe nichts anderes übrig blieb.
An dieser Figur hätte ich erkennen müssen, was mit England geschieht. Aber der Krieg kam dazwischen, in dem England der Welt als letztes sein Bestes gab, den ersten Widerstand gegen den Wahn, der alles zu verschlingen drohte. Man ist diesem Land für vieles dankbar, aus der wahren Geschichte der Menschheit läßt es sich so wenig auslassen wie Florenz und Venedig, Athen und Paris. Aber daß ich in dieser selben Zeit des Krieges das Glück seiner.....empfing, machte mich unempfindlich für den Geruch der Entkräftung, der von Eliot ausging.
(...) -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Taschenbuch .

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