Vorweg: Ich bin kein Musik-Experte, aber ich liebe die Cembalo-Werke von J.S.Bach sehr. Beim Reinhören in die CD war ich begeistert von der Leichtigkeit und der dennoch vorhandenen musikalischen Intensität, von der technischen Virtuosität verbunden mit Tiefgang und Inspiration und vom wunderschönen Klang des Instruments. Ich empfand es als meisterhaftes Kunstwerk, durchaus vergleichbar mit den Interpretationen des unvergesslichen Helmut Walcha (wie schön wäre es, wenn es davon noch CDs gäbe!). In dieser Hinsicht würde ich sofort 5 Sterne vergeben.
Beim Anhören der ganzen CD kam aber die große Enttäuschung: Welche Beweggründe haben dazu geführt, die von Bach vorgegebenen Wiederholungen wegzulassen? Bach hat die Wiederholungszeichen doch nicht nur gesetzt, um "Zeilenhonorar" zu schinden. Die Wiederholungen gehören für mich zu dem Spannungsbogen, den Gustav Leonhardt vorher so meisterhaft begonnen hat. So fehlt mir der Schlussstein zu diesem Bogen, fast als ob er beinahe einstürzt. Es wirkt auf mich, wie wenn ein Bildhauer sagen würde: "Ich verzichte bei der Skulptur auf den linken Arm und das linke Bein, da sie ja doch den entsprechenden rechten Extremitäten sehr ähnlich sind." Die Symmetrie und die Ausgewogenheit des Kunstwerks geht dadurch verloren. Ich jedenfalls empfinde beim Hören der CD heftige Phantomschmerzen. Ich habe lange gezögert aufgrund dieser Schmerzen, die gesamte CD nur mit 3 Sternen zu bewerten. Da das Spiel von Gustav Leonhardt aber sonst so wunderschön ist, bewerte ich sie mit einigen Bedenken doch noch mit 4 Sternen.