Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts sind zwei gewichtige Biographien über Franz Kafka erschienen. Eine von Rainer Stach, Kafka-Experte und Publizist, die andere von Peter-André Alt, Professor für Literaturwissenschaft. Welcher ist der Vorzug zu geben?
Zunächst einmal ist der Widerspruch zu bestätigen, den Stach in der Einführung seiner auf drei Bände angelegten Biographie feststellt: dass nämlich der Autor, der wie kein anderer eine ganze Generation von Schriftstellern prägen sollte, bisher mit keiner großen Biographie in deutscher Sprache bedacht wurde - freilich von der Biographie über Kafkas frühen Jahre von Klaus Wagenbach aus den 50er Jahren abgesehen. Nun sind es gleich zwei, beide sind ungeheuer gelehrt, in Form und Stil könnten sie jedoch unterschiedlicher nicht sein.
Beginnen wir mit Stachs Biographie. Sie ist angelegt auf drei Bände. Ihr erster trägt den Titel "Die Jahre der Entscheidungen", behandelt lediglich die Jahre 1910-1915, und ist im Umfang bereits so stark wie Alts einbändige Biographie, nämlich etwa 650 Seiten. Stachs zweiter Band umfasst die letzten Jahre Kafkas und der noch nicht erschienene Band über Kafkas Anfänge wartet auf die Freigabe des Nachlasses von Max Brod. Macht sich der dreifache Umfang Stachs in der Tiefe der Erkenntnis über Kafka bezahlt? Ich meine nein! Der übergroße Umfang der Biographie ist dem Verfahren Stachs geschuldet, der in seinem Schreiben den Menschen Kafka szenisch aufleben lassen will. Über weite Strecken scheint der Leser Kafkas Umwelt, seine Gefühlswelt usw. aus dessen Perspektive wahrzunehmen. Das braucht natürlich immensen Raum und ist auf die Dauer ermüdend. Das Verfahren gibt den ungeheuren Detailreichtum vor, aber der Leser fragt sich bald: will man's eigentlich so genau wissen. Die hunderte Seiten, in denen der Briefverkehr mit Felice Bauer wiedergegeben werden, treiben den Leser an die Grenzen seiner Kooperationsbereitschaft. Allerdings - sich abwendend von der unendlichen Seitenflut Stachs - spürt man einen immer stärkeren Drang, sich den Texten Kafkas selber zuzuwenden und das mag man vielleicht als positiven Nebeneffekt gelten lassen. Stach selber kümmert sich nicht intensiv um die Texte - bei ihm steht der Mensch Kafka tatsächlich im Vordergrund. Dies ist schade, zumal der Leser hierdurch wirklich das Gefühl entwickelt, es handele sich doch eigentlich um einen psychisch kranken Menschen statt um einen hochkarätigen Literaten. Zugute halten muss man Stach, dass ihm selber literarisch ansprechende Passagen gelingen und treffende Formulierungen, die man genießen kann. Aber da es nun einmal um Kafka geht und man hin und wieder auch bei Kafka selber reinblättert, verblasst natürlich auch dieser Eindruck.
Nun zu Peter-André Alts Biographie "Franz Kafka - Der ewige Sohn". Alts Biographie ist grandios. Sie vermag nicht nur fesselnd und in anspruchsvoller Sprache das Leben Franz Kafkas zu erzählen, sondern gibt auch einen großartigen Einblick in die Welt Prags zu Beginn des 20. Jahrhunderts. So gibt es verschiedene Exkurse in die Welt der Juden in Prag, die technische Entwicklung der Zeit, Zionismus, Theaterwelt in Prag, das Verhältnis der Tcheschen zu den Deutschen usw. Alles Diskurse, an denen Kafka regen Anteil nahm. Alt zeigt auch, dass Kafka keineswegs monolithisch und aus der Zeit gefallen alleine mit seinem Werk dasteht, sondern knüpft hoch-interessante Verbindungen zu vergleichbaren Literaten der Zeit. Hierdurch gewinnt der Leser ein realeres Bild von Kafka. Alts Biographie ist darüber hinaus die eines Literaturwissenschaftlers. Dankbar nimmt der Leser wahr, dass Alt intensiv auf die Texte Kafkas eingeht und sie für den Leser auf dem Boden der bisherigen Forschung auslegt. Freilich setzt das eine grobe Kenntnis der Texte Kafkas voraus und außerdem eine gewisse literaturwissenschaftliche Bildung, da man sonst gewisse Zusammenhänge, die manchmal lediglich durch ein noch akzeptables Name-dropping erläutert werden, nicht so einfach nachvollziehen könnte.
Also zum abschließenden Urteil: Wer bei der Lektüre einer Biographie gerne in das Leben dieses Menschen versinken will, es miterleben und mitfühlen will und dies auch gut erzählt sein soll, greife zu Rainer Stach. Wer ein umfassendes Bild von Franz Kafka, den Menschen in seiner Zeit , vor allem aber, wer etwas über Kafkas Literatur erfahren will, der greife zu Peter-André Alt.
Mir hat Alt in jedem Falle mehr zugesagt.
Thomas Reuter