Auch wenn der Name Domingo werbeträchtiger auf dem Cover winkt, ist doch Thielemann der Mittelpunkt dieser Aufnahme. Wie kaum ein Dirigent heute spaltet Thielemann, wobei viele Gründe im außermusikalischen zu sehen sind - sein unglückliches Verhalten in Berlin, seine Schnoddrigkeit, sein angeblicher Konservativismus. Als Klassikhörer bin ich niemandens Fan, Thielemanns Parsifal-Sicht begeistert mich aber so, dass ich dafür schon mal 5 Sterne gebe, auch wenn manches nicht perfekt ist. Dabei ruhen ja einige Parsifal-Aufnahmen in meinem Schrank (der Kna, Solti, Barenboim, Levine, Boulez, Kubelik), wobei in der letzten Zeit Boulez (Bayreuth 1970) und Kubelik (Symphonie-Orchester des BR - allein Kurt Moll lohnt schon die Aufnahme) meine Favoriten waren und die langsamen Aufnahmen mich nicht mehr so begeistern. Die neue Aufnahme wird die Boulez und Kubelik nicht verdrängen, ergänzt sie aber durch wirkungsvollen Kontrast.
Das wichtigste für mich: Thielemann vertreibt jede Heiligkeit, das ist kein Bühnenweihfestspiel (allein bei diesem Wortungetüm möchte ich wieder zu Wagner sagen "si tacuisses...")sondern eine spannnende, hochdramatische Oper. Der Klang aus dem offenen Wiener Orchestergraben ist geradezu diametral gegenüber dem Bayreuther Mischklang. Hier mischt sich fast nichts, die Partitur gewinnt an Härte und bohrender Expressivität. Debussy ist da weit weg, der späte Bruckner und Mahler näher. Thielemann treibt den Parsifal auch rhythmisch konsequent voran, ohne an den Höhepunkten dann noch schneller zu werden und die Konturen zu verwischen. Atemberaubend die Verwandlungsmusik im 1.Akt und das Vorspiel zum 2., niederschmetternd die Verwandlungsmusik im 3.Akt, wo er an die Grenze des akustisch erträglichen geht. Kaum Schön- und Schwelgklang, sondern holzschnitthaft durchgezeichnet. Die Klasse der ja durchaus schwierigen Wiener zeigt sich, dass sie sich voll auf dieses Konzept einlassen, intensiv bis zur Wildheit spielen und weihevoller Schönklang vermieden wird.
Das Klangbild ist dazu recht orchester- und bassbetont.
Da liegt denn auch die Gefahr dieses Mitschnitts: Auch wenn sie nicht zugedeckt werden, haben es die Sänger viel schwerer als in Bayreuth, sich durchzusetzen und eindrucksvoll zu profilieren. Wie Michael Wersin schon schreibt, sind es wirklich auch nicht die jungen frischen Sänger. Die gibt es schon, z.B. im Berliner Parsifal in der Lindenoper mit Burkhard Fritz und Rene Pape. Aber wer kauft schon einen Parsifal mit Burkhard Fritz? Dabei macht Altstar Domingo seine Sache noch ordentlich, von seinen üblichen Sprachproblemen wollen wir garnicht mehr reden. Hat man Rene Pape als Gurnemanz im Ohr, ist man aber von Selig schon enttäuscht, in der Tiefe noch ganz ordentlich, bei der grandiosen Stelle (auf die alle warten) "So wart es uns verhießen.." kann er sich am Ende nur noch in die Höhe hauchen.
Selbst das Riesenorgan von Struckmann hat auf der CD Probleme mit der Durchschlagskraft, was live ja nicht der Fall gewesen sein soll. Dabei bemüht der sonst so rauhbeinige Sänger sich um Differenziertheit. Über Waltraud Meier lasse ich auch nach vielen Dienstjahren nichts kommen, an ihrer Gestaltung und Artikulation sollten sich jüngere ein Vorbild nehmen (z.B. deYoung in Bayreuth).
Also kein Parsifal für Stimmfetischisten und Karfreitagshörer. Das Drama lebt dank Thielemann und den Wienern. Wers dann doch ein bisschen weihevoller und klangschöner mag, dem empfehle den immer unterschätzten Kubelik (Arts) mit dem grandiosen Kurt Moll und einer ansonsten sehr soliden Sängerbesetzung.