Die nachfolgende Rezension bezieht sich auf die Ausgabe: Richard Wagner, Parsifal. Textbuch. Einführung und Kommentar von Kurt Pahlen. Mainz: Atlantis Musikbuch-Verlag, 8. Auflage 2005.
Der Librettoteil des Buches ist (wie bei allen Büchern dieser Serie) gut gelungen: Der Text wird übersichtlich präsentiert und durch Notenbeispiele und Erläuterungen ergänzt. Der Kommentarteil ist dagegen nur sehr bedingt brauchbar. Von den fehlenden Quellennachweisen bei Briefen und Tagebucheintragungen abgesehen lässt es der Autor auch oftmals an Sachlichkeit fehlen und verfällt in einen wertenden, ja sogar schwülstigen Tonfall. Da wird Nietzsche als der abtrünnige Freund" bezeichnet, und einen Briefauszug Ludwigs II. kommentiert er mit den (obendrein völlig spekulativen) Worten: Ahnten Cosima und Wagner, wie es um den König stand, wie er mit jedem Tag einsamer wurde und seltsamer, und daß er eines nicht mehr fernen Tages von seinem Volke entthront und auf eines seiner Schlösser verbannt werden würde?" Karl May hätte es in seinem Kolportageroman Der Weg zum Glück" nicht blumiger formulieren können! Auf dem Sektor der mittelalterlichen Quellen fehlt Pahlen sichtlich die wissenschaftliche Kompetenz. Als Übersetzung des Wolframschen Parzival hat er die über einhundert Jahre alte und seit Jahrzehnten überholte Übersetzung von Wilhelm Hertz zu Rate gezogen. Neuere, dem heutigen germanistischen Forschungsstand entsprechende Bearbeitungen (Nellmann/Kühn) oder die Prosaübertragung von Peter Knecht scheinen ihm gänzlich unbekannt zu sein. Um einem ernsthaften Quellenstudium zu entgehen, wendet er den Trick an, es sei, (...) zwar faszinierend, dem Ursprung der Gralssage nachzugehen, aber es würde uns zu weit von Wagners Parsifal fortführen." Auch die Rezeptionsgeschichte ist für ihn nicht wichtig, und zeitgenössische Rezipienten werden von ihm per se als inkompetent eingestuft. Zitat S. 272: Den Reaktionen der Presse nachzugehen, wäre vielleicht amüsant, aber sinnlos, da die Mehrzahl der Kritiker mit der Beurteilung neuer Phänomene zu jeder Zeit hoffnungslos überfordert ist." (Sic!).
Wer auf solch wertende Einlassungen eines undifferenzierten Wagner-Claqueurs verzichten will und statt dessen ein Textheft mit einer knappen und wissenschaftlich brauchbaren Einführung sucht, ist daher mit dem (obendrein deutlich günstigeren) Reclam-Bändchen erheblich besser bedient.