Jeder Autor, der Sprache als Material für Literatur benutzt, neigt dazu, sie entweder zu verknappen (z.B. Kafka) oder aber sie aufzublähen (z.B. Walser). Bodo Kirchoff bläht auf, beschreibt wortreich und lähmend genau die Beiografie eines ca. 50jährigen Frankfurters, der, besessen von der Vergangenheit, der Spur seines verstorbenen Vaters folgt und mit dessen Partnerinnen Sex hat, als könne er ihn auf diese Weise besiegen. Mehrere Todesfälle, die Faller für das Werk eigener Handlungen hält, erweisen sich als Zufälle, mit denen er wenig zu tun hat. Da der Autor die Geografie unseres Planeten kennt, läßt er seinen Protagonisten von Frankfurt nach Lissabon, nach Marokko, Moskau und schließlich Mexico City reisen, was genaue Schilderungen fremder Orte ermöglicht. Wer sich vom sehr wortreichen, gelegentlich etwas langatmig erscheinenden Erzählmodus nicht abschrecken läßt, wird mit einer insgesamt überzeugenden Darstellung der verquasten Psyche eines Mannes belohnt, der noch als Erwachsener auf der Suche nach seiner Identität ist. Er wird sie gewiß nicht finden, so lange er den Wegen seines vom Sex besessenen Vaters folgt. Daß sogar eine kluge junge Staatsanwältin dem Charme des Erzählers erliegt, erscheint allerdings unwahrscheinlich. Auch daß er ein in Marokko aufgewachsenes Objekt der Begierde seines Vaters in der Bordell-Szene Mexikos aufspürt, ist nicht minder unwahrscheinlich. Aber muß ein Roman realistisch sein? Dieses Buch wirkt auf mich wie eine umfangreich angelegte Psycho-therapie für einen Sohn, der noch als Erwachsener mit seinem Vater hadert. Die souveräne Beherrschung der Sprache läßt diesen Roman auch für jene lesenswert erscheinen, die von Ödipus' Poblemen frei sind. Die Frauenfiguren in diesem Roman dürften den meisten Leserinnen allerdings kaum gefallen: so sexuell bedürftig, wie sie sich der Autor vorstellt und vielleicht zu wünschen scheint, sind Frauen gewöhnlich nicht.