Von Karl Heinz Bohrer, Undine Gruenters Mann, stammt der Hinweis, dass es 1982 der größte Wunsch der dreißigjährigen Schriftstellerin gewesen sei, Paris auf den Spuren von Heinrich Manns Roman "Henri Quatre" abzuschreiten. Wie es überhaupt eine "Ungeheuerlichkeit ihrer Paris-Entzückung" gab, die nicht nur das Paris des "Henri Quatre", sondern auch das Paris Louis Aragons und André Bretons einschloss. So haben eigentlich fast alle Bücher der Gruenter etwas mit dieser Leidenschaft "Paris" zu tun, besonders "Ein Bild der Unruhe", "Das Versteck des Minotauros" und "Vertreibung aus dem Labyrinth". Hier also "Pariser Libertinagen" (der Titel ist von Louis Aragon entlehnt) - herausgegeben und mit einem klugen und informativen Nachwort von Katrin Hillgruber versehen.
Diese Erzählungen von Undine Grüenter - 1952 in Köln geboren und im Oktober 2002 in Paris gestorben - stammen aus den Jahren 1999/2000. Sie sind sozusagen bereits in der Gruenterschen "Matratzengruft" entstanden, als ihre "Spaziergänge" nur noch im Kopf und in der Erinnerung stattfanden. So erinnert sich die kranke Undine Gruenter in "Paris.Anfänge" an ihren ersten Besuch in Paris. Sie erzählt wunderbar von der Place des Abesses, nimmt uns mit über die Place Blanche und zum Canal Saint-Martin. Die Orte, von denen sie erzählt, leben. So berichtet sie von diesem Leben, von den erotischen Verstrickungen, von den Leidenschaften und den heimlichen Wünschen der Bewohner.
In dem Text "Carrefour Frochot" heißt es: "...des Sonntags denk ich an Henri Heine die Rue des Martyrs ohne Matratzengruft Frühlingsnarzissen gleich um die Ecke ob auch die Götter abends Kartoffeln kochen Kölsche Kartoffelverhältnisse....". Und noch einmal aus "Paris.Anfänge": "Auf ein Eckchen des Bettes plaziert, war ich naiv genug, um hinter den Namen eine Bestandsaufnahme des wirklichen Paris zu vermuten, das greifbare, erlernbare und begehbare Geheimnis der Stadt". Es ist ihr gelungen, ein Stück weit dieses "Geheimnis" zu entschlüsseln.
Undine Gruenter, die Kölnerin, liebte Paris - und verstand es, diese Stadt mit der Mitteln dichterischer Inspiration und einer hochpoetische Sprache zu beschreiben. Sie hat sich Paris angeeignet, sie hat es sich und uns erschlossen. Und sie lässt uns auf außergewöhnliche Weise teilhaben an ihrem Lebenstraum Paris.