"Paris, Texas" wird, da muss man kein Prophet sein, im Schaffen von Wim Wenders nicht mehr zu übertreffen sein. Er betreibt hier in Perfektion, was auch viele andere seiner Filme ausmacht: ein ruhiger, in den Einzelszenen mitunter zur Erstarrung neigender Inszenierungsstil, in dem Musik und Landschaften eine ähnlich gewichtige Rolle spielen wie die Figuren. Zu der kargen Landschaft der texanischen Wüste, durch die Harry Dean Stanton in der langen Exposition als geheimnisvoller Mann ohne Sprache irrt, gesellen sich die Seelenlandschaften, die sich auf den Gesichtern der Akteure abbilden und die die Kamera nicht minder wirkungsvoll einzufangen weiß: Harry Dean Stanton spielt die Figur eines gebrochenen Mannes namens Travis Henderson, der sich auf den Weg macht, die durch seine Schuld zerstörte Familie wieder zusammenzubringen, in unübertrefflicher Manier. Hat man ihn in diesen Film gesehen, kann man sich den Darsteller kaum noch als fröhlichen und sorgenfreien Menschen vorstellen. Auch Nastassja Kinski glänzt in ihrem vergleichsweise kurzen Auftritt am Schluss als verletzliche junge Frau, die auf ihre Weise am Zusammenbruch der Familie mitgewirkt hat und nun in einer Art Seelengefängnis sitzt, aus dem sie erst befreit werden muss. In der Mitte des Films geht es um Travis' Zu-sich-Kommen, seine Selbstfindung, und das Gefundenwerden seines Sohnes Hunter, der die letzten Jahre in der Familie seines Onkels Walt verbracht hat und der seinem natürlichen Vater völlig entfremdet ist. Auch hier gelingen Wenders Szenen, Bilder von emotionaler Wucht, etwa wenn Travis auf Hunters Schulweg geduldig um das Vertrauen seines Sohnes wirbt.
Es geht in diesem Film, übrigens Gewinner der Goldenen Palme von Cannes 1984 und nominiert für einen Golden Globe, um Schuld, Verlorenheit, Reue und Erlösung - elementare Menschheitsthemen, die Wenders so ins Bild gesetzt hat, dass die zweieinhalb Stunden nicht langweilig werden, was in Anbetracht der nicht gerade komplexen Handlung besonders bemerkenswert ist. Nicht jeder aber - auch das muss gesagt werden - wird bereit sein die nötige Geduld für Wenders' behäbig-elegische Erzählweise aufzubringen.