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36 von 38 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
ein weiterer wendepunkt, 12. Oktober 2009
vorgeschichte:
mich begleiten die solokonzerte von keith jarrett nunmehr seit 23 jahren und ich habe alle seine konzerte sehr oft gehört. das "köln konzert" wird zwar immer wieder als absolute sternstunde herangezogen, steht allerdings in der riege seiner früheren einspielungen als eines von mehreren konzerten da, die auf eine dem publikum sehr zugewandte art und weise einen eher einfach zu betretenden musikalischen kosmos aufbauten (andere konzerte dieser phase sind bremen, lausanne; bregenz (solo concerts), die phänomenalen sun bear concerts, aber auch noch dark intervals und das paris concert von 1988).
im vienna concert beginnt sich die musik langsam zu wandeln, wird introvertierter und schwerer zugänglich, das setzt sich mit dem konzert in la scala in italien fort und mündet schließlich in "radiance" aus japan und dem gefeierten konzert in der carnegie-hall: sehr komplexe musik, die beim ersten hören nur den wenigsten zuhörern erlaubt, mitzuschwingen. ich habe jarrett live in wien bei einem solchen (nicht veröffentlichten) konzert erlebt, und es war tragisch, wie sehr er auf die geringsten bewegungen und unruhe im publikum reagierte, wie sehr er sich von seinem auditorium abgewandt hatte.
testament:
die musik dieser beiden konzerte in paris und london markiert eine neue facette: die einzelnen nummern sind auf den ersten blick ähnlich wie auf den vergangenen einspielungen, aber die energie und die zuwendung zum publikum ist sehr stark vom ersten track an spürbar. wenngleich auch hier vieles beim ersten anhören noch verschlossene türen hat, öffnen sich andere nummern sofort (z.b. der teil X vom londoner konzert), und andere improvisationen betreten nach vielen jahren wieder räume, in denen jarrett bei früheren konzerten in japan bereits reiche goldernte einfuhr.
der titel des albums spielt wohl auf seinen schweren verlust an, den er im booklet anspricht; aber auch seine grundhaltung, "immer so zu spielen, als ob es das letzte mal ist" spiegelt sich hier wieder.
fazit:
- für jarrett-fans ohnehin ein pflichtkauf.
- für liebhaber anspruchsvoller improvisationsmusik, die zum teil sehr vielschichtige geschichten erzählt und auch nach dem zehnten mal anhören noch neue aspekte offenbaren kann eine kaufempfehlung.
- liebhabern des köln-konzerts aus 1975 ohne lust auf neues von jarrett ist vom kauf von "testament" eher abzuraten.
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42 von 45 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Jarretts Testament, 4. Oktober 2009
Wenn ein neues Soloalbum von Keith Jarrett herauskommt und dieses auf 3 CDs zwei Live-Konzerte wiedergibt, ist das für den Fan wie Weihnachten, Ostern und Geburtstag zugleich. Gerade nach den großartigen Konzerte in Japan Radiance und New York The Carnegie Hall Concert waren meine Erwartungen hoch - und sie wurden übertroffen. Im an Höhepunkten reichen Schaffen Jarretts ist "Testament" ein weiteres Highlight. Auf den 3 CDs finden sich Mitschnitte zweier Konzerte, die Jarrett innerhalb einer Woche in Paris (26.11.08) und London (01.12.08) gab. Jarret beweist mit diesen Aufnahmen seine Ausnahmestellung als Musiker, der einen in seinen Liveauftritten immer wieder in seinen Bann schlägt. Alles, was seine Fans an ihm schätzen, ist auf diesen 3 CDs mit einer Gesamtspielzeit von ca. 163 min. enthalten: Virtuose Improvisationen, expressive, perkussive, spannende Passagen, Stücke, die sich tastend und allmählich weiterentwickeln, aber auch bluesartige Teile, viel Nachdenkliches und höchst melodische, emotionale Balladen (einige Stücke erinnern stark an The Melody At Night With You).
Überaus erhellend und unerwartet persönlich sind Jarretts Anmerkungen im wie immer schön gestalteten Beiheft. Unter der Überschrift "Still crazy after all these years" schreibt er hier zunächst über seine allerersten "Piano-Solo-Konzerte" im Alter von 6 oder 7 Jahren. Er schlägt einen Bogen über seine musikalische Entwicklung und erklärt, warum er seit einigen Jahren von seinen manchmal extrem langen Improvisationen abgekommen ist und seit "Radiance" auf einem neuen Weg der (für seine Verhältnisse) kürzeren Formen ist. Und schließlich wird er sehr privat, als er über seine 2008, nach 30 Jahren gescheiterte Ehe berichtet und welche Rolle dieser emotionale Ausnahmezustand beim Zustandekommen dieser beiden Konzerte spielte.
Fazit: Es bleibt zu hoffen, daß der Titel "Testament" nicht allzu wörtlich im Sinne einer "letztwilligen Verfügung" zu verstehen ist. Gerne würde ich in den nächsten Jahren noch "Testament II - V" oder mehr hören. Angesichts seiner derzeitigen Konzerttätigkeit bleibt die Hoffnung auf viele weitere Produktionen dieses Niveaus. Dank an ECM - auch für den äußert fairen Preis!
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61 von 73 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
2.0 von 5 Sternen
Schwach, 7. Oktober 2009
Schon der Albumtitel ist reichlich albern - Jarretts Vermächtnis wird einmal sein Gesamtwerk sein, nicht eine von inzwischen doch recht zahlreichen Liveaufnahmen, deren Qualität von der Tagesform des Meisters abhängt und die keineswegs alle "ehrfürchtig bestaunt" werden müssen - auch dann nicht, wenn auf einer davon "Testament" drübersteht. Und schon gar nicht, wenn es sich hierbei um zwei schwächere Konzerte handelt, von denen das in Paris aufgenommene wirklich schlecht, das Londoner etwas besser ist und keines an die Qualität des Carnegiehall-Konzertes heranreichen kann. Was wir hören, ist ein (vor allem in Paris) um sich selbst kreisender Ausnahmepianist, dessen freie Improvisationen sich hier im Wesentlichen auf zwei, vielleicht drei mehr oder weniger im Wechsel dargebebotene Alternativen beschränken: das romantische - romantisierende - "Suchen" auf den Tasten, gerne in großflächigen Akkorden; die "Boogie"-Passagen, die hier mehr als einmal ins Leere zu laufen scheinen (und in denen der Meister vermutlich darüber nachdenkt, was er denn nun als nächstes machen könnte), und die stakkatohaft-skizzenartigen Singlenote-"Kakophonien", die ungeübte Ohren für "atonal" halten mögen und bei denen Jarrett zur Höchstform auflaufen kann, wenn er nicht wie offenbar in Paris und London "schwächelt". Inwieweit man ihm bei ecm einen Gefallen tut, quasi jeden Pups des Meisters zu veröffentlichen, sei dahingestellt - dass das Publikum unerschütterlich gewillt ist, auch jeden Pups zu beklatschen, lässt sich an diesen Aufnahmen nachvollziehen (aber nicht: verstehen. Und noch weniger, wieso ein Publikum, das von Jarrett dazu verdonnert wird, auf keinen Fall auch nur zu laut zu schnaufen, es hinnimmt, des Meisters stellenweise auch aufgesetzt wirkendes Mitgestöhne zu ertragen). Weniger Ehrerbietung würde dem Meister vermutlich eher gerecht werden: Es ist ja richtig, dass seine Solokonzerte einem Hochseilakt gleichen; aber nicht jeder Hochseilakt ist schon geglückt, wenn man nur das gegenüberliegende Ende des Seils erreicht. Oder etwa doch?
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