vorgeschichte:
mich begleiten die solokonzerte von keith jarrett nunmehr seit 23 jahren und ich habe alle seine konzerte sehr oft gehört. das "köln konzert" wird zwar immer wieder als absolute sternstunde herangezogen, steht allerdings in der riege seiner früheren einspielungen als eines von mehreren konzerten da, die auf eine dem publikum sehr zugewandte art und weise einen eher einfach zu betretenden musikalischen kosmos aufbauten (andere konzerte dieser phase sind bremen, lausanne; bregenz (solo concerts), die phänomenalen sun bear concerts, aber auch noch dark intervals und das paris concert von 1988).
im vienna concert beginnt sich die musik langsam zu wandeln, wird introvertierter und schwerer zugänglich, das setzt sich mit dem konzert in la scala in italien fort und mündet schließlich in "radiance" aus japan und dem gefeierten konzert in der carnegie-hall: sehr komplexe musik, die beim ersten hören nur den wenigsten zuhörern erlaubt, mitzuschwingen. ich habe jarrett live in wien bei einem solchen (nicht veröffentlichten) konzert erlebt, und es war tragisch, wie sehr er auf die geringsten bewegungen und unruhe im publikum reagierte, wie sehr er sich von seinem auditorium abgewandt hatte.
testament:
die musik dieser beiden konzerte in paris und london markiert eine neue facette: die einzelnen nummern sind auf den ersten blick ähnlich wie auf den vergangenen einspielungen, aber die energie und die zuwendung zum publikum ist sehr stark vom ersten track an spürbar. wenngleich auch hier vieles beim ersten anhören noch verschlossene türen hat, öffnen sich andere nummern sofort (z.b. der teil X vom londoner konzert), und andere improvisationen betreten nach vielen jahren wieder räume, in denen jarrett bei früheren konzerten in japan bereits reiche goldernte einfuhr.
der titel des albums spielt wohl auf seinen schweren verlust an, den er im booklet anspricht; aber auch seine grundhaltung, "immer so zu spielen, als ob es das letzte mal ist" spiegelt sich hier wieder.
fazit:
- für jarrett-fans ohnehin ein pflichtkauf.
- für liebhaber anspruchsvoller improvisationsmusik, die zum teil sehr vielschichtige geschichten erzählt und auch nach dem zehnten mal anhören noch neue aspekte offenbaren kann eine kaufempfehlung.
- liebhabern des köln-konzerts aus 1975 ohne lust auf neues von jarrett ist vom kauf von "testament" eher abzuraten.