Auf Paranormal Activity bin ich ganz zufällig gestoßen, als ich im Internet aus Jux ein paar Geistervideos angeschaut habe. Irgendwann landete ich bei einem Trailer zum Film und nach einiger Überlegung habe ich mich entschlossen, ihn zu kaufen. Ich darf also behaupten, neutral und unge-hypt an den Film herangegangen zu sein (ich wusste bis zum zufälligen Entdecken des Trailers nichts von seiner Existenz).
Ich bin ein gigantischer Film-Fan. Von Klassikern in schwarz-weiß über B-Movies der 70ger und 80ger bis hin zu allem, was grade so neu erscheint gibt es nichts, was ich mir nicht ansehe. Filme sind meine Leidenschaft (vielleicht sogar mein Leben) und dementsprechend viele habe ich auch schon gesehen. Auch, oder vielleicht ganz besonders, aus dem Horror-Genre.
Wobei ich vorweg anmerken möchte, dass mindestens 80 % von dem, was uns seit einigen Jahren als "Horror" verkauft wird, mit echtem Horror nichts zu tun hat. Gar nichts. Ich habe hier oft den Vergleich zu Filmen wie "Saw" gelesen, was natürlich - verzeihung - reichlich bescheuert ist. Saw ist eine wundervolle Filmreihe, die schon jetzt als Klassiker anzusehen ist, ob man sie nun mag oder nicht. Ich persönlich finde jeden Saw-Film klasse! Aber ich bin mir dennoch im Klaren darüber, dass diese Reihe absolut alles, nur kein Horror ist. Saw ist Slasher, vielleicht sogar schon Splatter, vermischt mit Thriller-Elementen und einem Hauch von modernem Exploitationkino. Genauso verhält es sich mit Filmen wie Scream, Freddy vs. Jason oder Ich weiß, was du... - das alles sind tolle Filme, die echt Spaß machen, aber genau da liegt auch das Problem: Echter Horror macht keinen Spaß. Das Horror-Film-Genre durchlebt seit knapp zwei Jahrzehnten eine Art Wandlung. Es geht nämlich nicht mehr, wie anfangs, darum, beim Zuschauer ein Gefühl des Schreckens, Unbehagens oder gar der Angst zu erzeugen. Sondern mittlerweile mehr und mehr darum, Ekel zu erzeugen, indem man auf immer exzessivere Gewaltdarstellungen setzt. Natürlich erschrickt man sich das ein oder andere Mal, wenn irgendein Killer hinter einer Ecke hervorspringt. Aber ein kurzes Erschrecken ist in keinster Weise mit echter Angst zu vergleichen, die einen noch Nächte nach dem eigentlichen Ansehen "verfolgt" - Und niemand kann mir erzählen, dass er oder sie nach einem Streifen wie Saw Angst im Dunkeln hat.
Bei Paranormal Activity ist das anders. Wenn man sich, wohlgemerkt, angemessen darauf einlässt. Wer ihn sich mit zwei oder drei Freunden ansieht, nebenbei Chips knabbert und sich außerdem noch darüber unterhält, wann die nächste Fete steigt, dem erscheint dieser Film vermutlich lächerlich und lahm.
Man muss diesen Film, wie hier schon oft empfohlen wurde, im Dunkeln sehen, wenn es still ist. Man darf sich nicht unterhalten oder ablenken. Am besten ist es vielleicht, ihn ganz allein zu sehen. Dann entfaltet er - das garantiere ich - eine einmalige und absolut furchteinflößende Atmosphäre. Der Film lebt von subtilen Mitteln, die so präsentiert werden, dass man sie wirklich glaubt. Alles gezeigte wirkt im Rahmen des Geschehens vollkommen real und glaubwürdig. Nichts wirkt überzogen oder weit hergeholt. Gerade die Wahl einer Handkamera, die ganz offen und absichtlich quasi einer der Hauptdarsteller ist, wirkt brilliant.
Sie ist wohl ein Grund für viele, den Film mit dem Blair Witch Project zu vergleichen. Das ist verständlich, da die Filme von der Machart her eben wirklich sehr ähnlich sind. The Blair Witch Project habe ich ebenfalls gesehen, fand ihn nicht schlecht und interessant, war aber keineswegs verängstigt oder geschockt. Wer also dem Blair Witch Project nichts abgewinnen konnte, sollte diesen Film nicht gleich abschreiben. Der Grund liegt auf der Hand: Das komplette BWP spielt im Wald. Wälder sind durchaus gruselig. Nur kommt es eben relativ selten vor, dass man sich mir nichts dir nichts allein und verlassen im tiefsten Wald wiederfindet.
Paranormal Activity ist da um einiges fieser. Der Film holt das pure Böse direkt ins traute Heim; noch schlimmer direkt ins Schlafzimmer. Dieser eigentliche Rückzugsraum wird somit völlig seiner Abgeschiedenheit und Sicherheit beraubt - er wird sogar im Gegenteil zum Zentrum allen Übels. Wer sich ein wenig mit Geister- oder Dämonentheorien beschäftigt, der weiß, dass die Erklärungen und Motive, die der Film abliefert keineswegs stumpf oder einfallslos sind. Im Gegenteil wurde gut recherchiert. Auch das Medium, das die Protagonisten zu Rate ziehen, wirkt und handelt glaubwürdig. Die Tatsache, dass er selbst regelrecht flieht und nichts mit der Angelegenheit zu tun haben will, weil er sich auf Geister und nicht auf Dämonen spezialisiert hat, macht durchaus Sinn und ist nicht, wie einige hier anscheinend denken, bescheuert. Ich persönlich glaube nicht an sowas, aber ich beschäftige mich aus purem Interesse sehr gern damit. Und es stimmt in der Tat, dass in diesen Themengebieten streng zwischen unterschiedlichen Wesenheiten, wie eben Dämonen und Geistern, unterschieden wird.
Diese "realitäts"nahen Aspkete, zusammen mit der absoluten Willkür, mit der es den Figuren passiert, lassen eine wirklich beängstigende Atmosphäre entstehen. Es könnte quasi jedem passieren, egal wann, egal wo. Auch oder ganz besonders dann, wenn man am hilflosesten ist: Im Schlaf, in den eigenen vier Wänden.
Jeder Mensch hat schonmal komische Geräusche im Haus gehört, wenn es still ist. Ganz egal, wie man bisher mit sowas umgegangen ist, spätestens nach intensivem und bewusstem Ansehen dieses Films wird man solche Geräusche in Zukunft öfter, deutlicher und bewusster hören und sich evtl. den ein oder anderen unerfreulichen und unangenehmen Gedanken dazu machen. Und DAS ist es, was ein ECHTER Horrorfilm zu bewirken vermag: Angst und Unbehagen anstelle von Ekel wegen übermäßigen Splattereinlagen.
Wie gesagt, ich habe schon viele Filme gesehen. Und ich bin aus Erfahrung sehr kritisch, wenn auf DVD-Hüllen sowas steht wie "Übertrifft alles, was Sie bisher gesehen haben!" oder "Echtes Grauen, das das Horror-Genre neu definiert!". Das ist meist absoluter Schwachsinn.
Aber dieser Film beeindruckt mich bis heute.
Ich bin gespannt auf den zweiten Teil und hoffe, dass man dem Konzept treu bleibt und nicht versucht durch Auffahren von "schwereren Geschützen" noch "einen draufzusetzen". Das ist nämlich wirklich überhaupt nicht nötig.
- Horror-Hendrik