Bis vor kurzem gab es in Deutschland kaum eine Literatur, die sich wirklich ernsthaft und kritisch mit dem Thema Design auseinandergesetzt hat. Umso erfreulicher ist es, dass nun mit Florian A. Schmidts Arbeit "Parallel Realitäten" im deutschsprachigen Raum endlich eine spannende und ausgesprochen kurzweilige Arbeit vorliegt - interessanterweise von einem Schweizer Verlag publiziert!
Die Publikation bildet nicht nur den Auftakt zu einer neuen Schriftenreihe mit dem Thema "Designkritische Texte", die - so im Vorwort angekündigt - fortan im Schweizer Niggli Verlag fortgesetzt werden soll. Sie erscheint auch im Rahmen der Verleihung des "Wilhelm-Braun-Feldweg Förderpreises für designkritische Texte 2006" und behandelt ein brandaktuelles Thema: die Risiken und das Potential virtueller Rollenspiel-Welten, deren Nutzung sich ja bekanntermaßen schon lange zu einem Massenphänomen entwickelt hat!
Online-Computerspiele wie "Second Life" und "World of Warcraft" werden hier wohl erstmals unter gesellschafts-, wirtschafts- und designkritischen Aspekten analysiert und bewertet. Ein bisher (noch) eher unerwarteter Ansatz.
Die Arbeit untersucht die Motive der Spieler (von der Neugier bis hin zur krankhaften Sucht), die Absichten der Produzenten und eben auch die Möglichkeiten für das Design. Besonders spannend auch die Definition des Begriffes "virtuell", als "Zustand eines Objekts [...], das zwar nicht physisch vorhanden ist, dessen Auswirkungen und Funktionen aber durchaus real sind [...]". Den Hauptteil der Arbeit bildet der Überblick über die verschiedenen Arten von Online-Spielen - eine Welt, die für Eingeweihte schon lange eine Selbstverständlichkeit ist, aber für Außenstehende (immer noch) verschlossen erscheint.
Wer hinter all dem eine nüchterne und trockene Abhandlung vermutet, der irrt! Dass fachlich fundierte Wissenschaft auch Spass machen kann - sowohl für den Autor als auch für den Leser - beweist Florian A. Schmidt m.E. auf geniale Weise. Er fasst leicht verständlich und überzeugend eine Entwicklung zusammen, die immer wieder für große Überraschungen gut ist und er integriert in seine Arbeit (man lese und staune!) Analysen, die (die Fußnoten klären hier den Leser auf) fast zeitgleich zu seiner Arbeit erschienen sind! Eine bemerkenswerte Leistung.
Zu Recht lautet das Urteil der Jury des bf-Preises zu diesem Preisträgertext (ich zitiere aus dem Anhang des Buches): Ein "spannender Einblick in die sozioökonomischen Zusammenhänge computergenerierter Welten. Der scheinbar mühelos geschriebene Text räumt mit dem Trugschluss auf, dass die In-Game-Welten nur in den Vorstellungen der User existieren. Die parallelen Realitäten haben in der Tat längst unsere Welt erreicht [...]."
So bleibt zu hoffen, dass sich dem Urteil der Jury noch viele weitere Leser anschließen! Auch ist zu hoffen, dass diese sehr vorbildlich initiierte Reihe zum Thema Design-Kritik eine nachhaltige Resonanz bei seinen zukünftigen Lesern erfährt! Großes Lob auch an die Auslober des Wilhelm-Braun-Feldweg Preises und an das Engagement des Niggli Verlages, die uns erst diese Publikation beschert haben!