Glücklicherweise leben wir in einer Zeit in der endlich neue politische Theorien entstehen bzw. an ihr Ziel gelangen. Es liegen mit Ernesto Laclaus "On populist reason" (2005) u. Alain Badious "Logiques des mondes" (2006) endlich wieder Arbeiter an dem Projekt "demokratischer Materialismus" vor. Und in diese Reihe gehört auch Zizeks Buch "Parallaxe", dass im Original "The Parallax View" heißt und damit besser Zizeks Blick auf die im Buch beschriebenen Phänomene fasst. Warum dies im deutschen Titel fortgelassen wurde, bleibt wohl das Geheimnis des Übersetzers. Denn vieles hängt an diesem Blick - der lacanianische nämlich, der sich stets in das betrachtete Objekt einschreibt, so gewissermaßen die Ur-Parallaxe ausbildet (objekt klein a), von der Zizek hier so virtuos ausgeht (cf. Einleitung).
In der komplexen Einleitung sondiert Zizek die Positionen seiner Gegner, die von der "negativen Dialektik" über Badious Versuche bis hin zu Derridas "démocratie à venir" und Laclaus ebensfalls von Lacans Realen inspirierten Theorie der Hegemonie und Habermas reichen. Um dann seine These zum dialektischen Materialismus vorzulegen: der Kampf der dialektischen Gegensätze sei im Zeitalter des New Age zu einer bloßen Yin und Ying-Lehre verkommen und bagatellisiert worden. Dieses gilt es in einem ersten Schritt - so Zizek - durch eine Neufassung dieses Spannungsfeld zu ersetzen, die darin besteht, nicht mehr ein polares Gegensatzfeld zu denken, sondern den vermeintlich Streit der dialektischen Gegensätze in das Eine selbst zu verlagern. Zizek spricht von der "Nicht-Koinzidenz des Einen" einer Kluft (engl. gap), die das Eine von sich selbst trennt. Diese Nicht-Koinzidenz des Einen bezeichnet als "Parallaxe". Eine Parallaxe ist eine Art Antinomie, das heißt eine Art unschlichtbarer begrifflicher Konflikt. Als Beispiele einer solchen Antinomie nennt Zizek: den Welle-Teilchen Dualismus, die ontisch-ontologische Differenz, das Lacanianische Reale, der Freudianische Dualismus, Trieb-Begehren Dualismus (drive and desire), der Dualismus Universal-Partikular auf der politischen Ebene.
In drei gewaltigen Abschnitten beschäftigt sich Zizek mit den drei Hauptparallaxen: Abschnitt I: philosophisch (ontisch-ontologische Differenz), Abschnitt II: wissenschaftlich (Noumenon-Phainomenon-Differenz) und Abschnitt III politisch (Universal/Partikular/Singulär).
Der erste Abschnitt "DIE STELLARE PARALLAXE" geht von Kojin Karatanis bahnbrechender Studie "Transcritique. On Kant and Marx" (2003), die erstmals versucht Marx von Kant her zu lesen. Dem von Karatani ausgelegten Parcours folgt Zizek in weiten Teilen, um seine Theorie des "Nicht-Alles" /"NON-ALL" - also gewissermaßen der Unabschlißebarkeit eines philosophischen Systems zu denken. Stichworte hier: Paulus, Heidegger, das fragile Absolute, Spinoza, Lynch, Kieslowski.
Der zweite Abschnitt "DIE SOLARE PARALLAXE" beschäftigt sich mit der bereits in der Einleitung angekündigten Antinomie von Phänomen und Noumenon. Also gewissermaßen mit dem Widerspruch von Theorie und Praxis, Erscheinung und Beschreibbarkeit. Ein Abschnitt heißt demgemäß "Für eine neue Wissenschaft der Erscheinungen". Stichworte hier: Ereignis-Denken bei Badiou, Deleuze, Heidegger, Lacan, Hirnforschung, Damasio und Dennett.
Mit dem dritten Abschnitt "DIE LUNARE PARALLAXE" hebt der für mich bedeutendste Teil des Buches an, der versucht eine Art Politik der Versagung zu formulieren. In einer großartigen Diskussion von Hardt/Negri, Agamben, Badiou, Bosteels und Toscano.Mündet das Buch schließlich - wie so oft in letzter Zeit bei Bartleby -. In Bartlebys Formel: "I prefer not to" sieht Zizek eine Art "passiv-agressives" politisches Handeln, dass nicht durch Widerspruch, der ja bekanntlich nur das System mit immer neuer Kraft versieht, sondern durch eine Form gewaltätiger Gewaltlosigkeit, die Zizek scharf von buddhistischen Sit-Inns und Ghandi unterscheidet. In einer großartigen Schlußwendung, die noch einmal Lacans Deutung von Claudels Theaterstück "Die Geisel" aufnimmt, bezeichnet Zizek Bartlebys performativen Akt als einen "Akt der Versagung und nicht als symbolischen Akt". Bartlebys Satz habe "holophrastische Qualität", die für den "Kollaps der symbolischen Ordnung" steht. Und es scheint Zizek um nichts anderes gegangen sein, als diese Erschütterung der symbolischen Ordnung. Am Ende steht Bartleby da mit dem Lächeln und dem Gesicht von Norman Bates aus Hitchcocks "Psycho". Dies ist das parallaxe Objekt von Zizeks dialektischen Materialismus.
Fazit: Ein großartiger und wichtiger Entwurf für eine linke Politik. Ein Buch für Leser, die Autoren wie Badiou, Deleuze, Agamben, Foucault, Heidegger, Derrida usf. kennen! Ansonsten ist dieses Buch kein Vergnügen, obwohl der Verlag natürlich wie üblich bei Zizek so tut, als sei er kein schwieriger Denker. Es ist auch ein Buch für NICHT-Zizekianer. Denn wo sonst erhält man so eine konzise Diskussion der Gegenwart mit allen ihren theoretischen Facetten wie hier ? 5 Sterne.