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Im Rahmen des 2. Weltkrieges schlüpft der Spieler in die Nation seiner Wahl (und das heisst wirklich seiner Wahl; selbst Luxemburg kann gespielt werden) und kann sich als Staatschef virtuell ausleben und die Geschichte nach seinem Gutdünken umschreiben. Allerdings passiert das ganze in seiner komplexesten (und somit wohl realistischsten) Form: Zufriedenheit der Bürger und eine funktionierende Produktion gehören ja zum Standardwerk eines Strategiespiels, aber in Hearts of Iron steht einem sogar die Entscheidung zur Verfügung, was produziert werden soll (zu jeder winzigen Innovation auf dem Gebiet der Panzervernietung stehen einem detaillierte historische Information zur Verfügung); und nicht nur das: Als Staatsoberhaupt kann man seine Minister und Generäle (die alle der Geschichte ensprechen) nach Belieben befördern und auswechseln, was sich wiederrum auf die Führung der Truppe oder die Stimmung der Bevölkerung auswirkt, je nachdem wie die jeweiligen Charaktereigenschaften sind.
Durch die grosse Weltkarte bietet Hearts of Iron auch die Möglichkeit die militärischen Züge zu kontrollieren und ihre Auswirkungen zu beobachten: Während man in Sudden Strike eine Schlacht um einen Matschhügel führt, kann man in Hearts of Iron den Sichelschnitt durch Frankreich ziehen oder eine Einkesselung vornehmen, so dass die feindlichen Truppen vom Nachschub abgeschoben werden.
Die Kriegsführung erfordert ein hohes Mass an strategischem Geschick, kombiniert mit Risikobereitschaft. Man kann eine verteidigte Stadt nachts bombardieren (was natürlich nur funktioniert wenn man den Nachtradar schon erforscht hat) bis die Organisation der Verteidiger soweit gesunken ist, dass man sie einfach überrollen kann oder bis die Bevölkerung dermassen demoralisiert ist, dass sie sich gegen die Regierung erhebt.
Datum und Uhrzeit von Bombenangriffen kann genau festgelegt werden (und ist sogar notwendig, wenn man eine Bombardierung mit einem anschliessenden Angriff verbinden will um das beste Ergebnis zu erzielen). Wetter und Landschaftsmodifikation sind unerlässliche Faktoren zur erfolgreichen Strategie; ohne jeweilige Ausrüstung ist die Armee zu bestimmten Temperaturen aufgeschmissen, was die Moral senkt, so dass sich Generäle gegen einen wenden können. Und das ganze wird begleitet von einem sehr passenden klassischem Soundtrack (zum "Walkürenritt" in Polen einzumarschieren ist schon eine Sache für sich).
Das beste an Hearts of Iron liegt aber in seinem Wiederpielfaktor, wenn einem nicht danach ist, mit einer Grossmacht die Welt zu erobern, kann man auch als Tschechislowakei versuchen, die Unabhängigkeit des Sudetenlands zu bewahren, oder als eine der beiden Parteien den spanischen Bürgerkrieg für sich entscheiden,
Es mag wohl nur etwas für Hardcore-Strategen sein, denn ungeschulte werden sich durch die Vielfalt einfach erschlagen sehen, und auch bei mir hat es seine Zeit gedauert, aber nun spiele ich nichts anderes mehr.
Hearts of Iron gebührt in jeder Hinsicht ein Ehrenplatz in der Galerie der besten Strategiespiele, denn eine solche Vielfalt hat das Genre zweifelsohne noch nie erlebt.
Hearts of Iron deckt - mit dem längsten der drei spielbaren Szenarien - die Zeit von 1936 bis einschliesslich 1947 ab. Spielzeiteinheit ist die Stunde, die Spielgeschwindigkeit ist variabel. Das Spiel läuft in Echtzeit mit Pausefunktion. Als Oberhaupt einer beliebigen Nation kann der Spieler im Zeitgeschehen wirken, politische, wirtschaftliche und militärischen Entscheidungen treffen und Weichen stellen, wobei die Herausforderungen so völlig unterschiedlich sein können, dass das Spiel eigentlich nie langweilig werden kann - wem das Deutsche Reich zu langweilig ist, kann ja zum Beispiel versuchen, Estland die Unabhängigkeit zu bewahren. Oder dem Republikanische Spanien im Bürgerkrieg zum Sieg gegen Franco zu verhelfen, oder, oder, oder...
Das Spiel folgt - in angepasster Form - dem aus EU2 bekannten System. Es ist noch komplexer, besonders, was Diplomatie und Forschung betrifft, doch EU-Veteranen sollten sich schnell zurechtfinden. Neulinge werden viel zu lernen haben, um sich in das hochkomplexe Spiel einzufinden, aber für jeden, der Interesse an der Epoche und an der beliebten "was wäre wenn..." Frage hat, lohnt es sich absolut. Es macht süchtig.
HoI ist - auch wenn es ums Militärische geht - ein Strategiespiel, die kleinste Einheit ist die Division (bzw. Staffel oder Flotille). Wer also gerne das Gefühl hat, seine Soldaten mit Namen zu kennen und den Hügel im Morgengrauen zu stürmen, wird hier nicht bedient. Wer dagegen seinen Flugzeuträgerverband gegen die gegnerische Marinebasis führen oder sich mit einem umfassenden Zangenangriff die wichtigen Rohstofffelder sichern will - herzlich willkommen.
Zu den Fehlern: Das Handbuch ist - leider typisch für Paradox - eine Frechheit. Man erfährt ungeheuer viel Unwichtiges, dafür muss man sich wichtige Informationen zum Spiel selbst erarbeiten. Sicher, das hat auch seinen Reiz... Die Tutorials helfen da ein wenig, aber nicht sehr. Dafür bin ich dann von dem Spiel selbst so begeistert, dass mich Kleinigkeiten stören, die mir anderswo kaum auffallen würden. Ein Beispiel: Ich spielte Deutschland, hatte Frankreich besetzt, das Vichy-Regime eingesetzt und mich fortan mit Grossbrittanien herumzuschlagen. So weit, so historisch. Bis ich dann allerdings die Seerouten gesichert hatte, hatte ich permanent mit Miniinvasionen zu kämpfen - mal hier eine Division, mal dort, immer schnell besiegt, aber lästig. Vom Standpunkt der AI war das logisch - ich wurde eine Zeitlang wirkungsvoll daran gehindert, mich zu organisieren. Unhistorisch war es dennoch - bei jeder dieser Landung verloren die Briten eine Division, es wurden also permanent und massenhaft Soldaten in Himmelfahtskommandos gehetzt. Keine Demokratie hätte das überlebt, Churchill reichte EIN Dieppe. Wie gesagt - in anderen Spielen hätte ich das hingenommen, aber die Ansprüche steigen mit der Genialität des Spiels.
Ein Spiel für eine Minderheit, die es bedingungslos lieben wird.
Doch Vorsicht! Lesen Sie weiter...
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