Ich habe es wirklich versucht. Ehrlich. Gelesen von vorn bis hinten, durch. Und man ist dabei, bleibt dabei. Schon, weil es alle 3 Seiten um Sex geht, oder Gedanken daran, Phantasien darüber, wenigstens die Möglichkeit dazu. (Schließlich trifft unser Held auf seiner Reiseetwa ein halbes Dutzend mehr oder weniger willige Frauen, über die sich zu spekulieren lohnt. So viele Feuchtgebiete. Kassenschlager.) Ok, denk ich; bin ja selber Mann. Kann man noch was lernen.
Aber die Vorschusslorbeeren versprechen ja mehr. Neue Stimme, neue Literatur. Ich habe sie nicht gefunden. Wie so oft: Schöne Sätze, denkenswerte Gedanken. Aber ehrlich: Die hätte ich lieber in einem anderen Buch gelesen.
Mein Problem sind zwei:
1) Die Gewalttat des Alex Böhm - er verprügelt seinen ehemaligen Freund Simon, der ihn "entlarven" will auf das Übelste - bricht für mich das Buch. Mag ich diesbezüglich langweilig sein, aber die Bereitschaft, mich mit ihm auseinanderzusetzen bleibt, während Alex seine Reise fortsetzt, beim malträtierten Simon im Wald. Punkt. (Selbsteinwand: Die Wut, die ich auch Protagonist, Autor und mich selbst, nicht klarzukommen, entwickle kann man als kreative Energie des Buches verstehen. Für mich ist sie unbefriedigend, weil restlos destruktiv. Ich habe lange gewartet, keine produktive Deutung des Verlaufs kommt in Sicht. Der Handlungsverlauf bleibt leer.)
2) Der so genannte Blender "Jedermann" Alex Böhm ist ungeheuerlich lang verstehbar, denkt, was - gewollt - (hin und wieder) auch ich denken würde, ist hochgradig selbstreflexiv und selbstkritisch und aus dieser Haltung heraus auch kritisch anderen gegenüber. Dass er aus dieser Haltung heraus jedoch absolut keine Konsequenzen für sich selbst zieht, ist die "große" Leistung des Buches: das Porträt eines Egomanen eben. Und damit ein Porträt, das ich nicht wirklich glauben kann; in dem vieles, was dem Kopf von Alex entspringt für mich (leider erst) nachträglich zum Autorkommentar reift und zum Betrug an mir als Leser wird.
Keine Frage: Ein Buch, über das man reden und trefflich streiten kann. Aber ich bleibe dabei: Über das Redenswerte hätte ich lieber in einem anderen Buch gestritten.