Dass die Kubaner anspruchsvoll und höchst poetisch schreiben können, beweist Lima (1910-1976) mit seinem Roman "Paradiso" endgültig. Nicht ohne Grund hat Suhrkamp dieses Werk (1966) in den Kanon der Jahrhundertwerke hineingenommen. Erstaunlich ist, dass Cabrera Infante in seinem Meisterwerk "Drei traurige Tiger" den Lima (wenn auch parodistich) honoriert, obschon sein Roman in der Originalfassung nur ein Jahr später erschien. Das opus magnum ist ein Diptychon, ein zweiteiliges Gemälde, und findet (soll finden) im Roman "Inferno. Oppiano Licario" seine sprachgewaltig-architektonische Vollendung.
Die Geschichte beschreibt den Werdegang dreier Freunde: José Cemí, Fronesis und Foción. Wir begleiten sie wesentlich durch ihre (insbes. Cemís) Kindheit, durch ihre Jugend und ihre Studienzeit. Schwerpunkte sind ihre erotischen wie sexuellen Erfahrungen zur einen Seite, zur anderen die höchst poetischen und intellektuellen Diskurse zwischen ihnen. Der Roman kulminiert in der Begegnung Cemís mit Oppiano Licario. Lima schweift aber immer wieder auf die den drei Freunden nahe stehenden oder völlig fremden Personen über und erzählt deren Geschichte.
Ich mag hier nicht tiefer auf die Geschichte(n) eingehen, bedeutender für Lima sind nämlich die Figurenkonstellationen (vage erinnernd an eine Antithese zu Julia Barnes "Nachtgewächs") und die durch sie ausgelösten Monologe und Dialoge. Hierin liegt aber zugleich meine Kritik am Roman. Der stark essayistische (wir denken formal an Peter Weiss' "Ästhetik des Widerstands") Charakter (ich nenne an dieser Stelle den mythologisch hergeleiteten Diskurs über die Homosexualität) erwecken den Eindruck von Zweckhaftigkeit der Figuren. Sie bleiben in ihrer Intellektualität bloße Mittel, bloße Instrumente der Limaschen Botschaft. Ihre Relationen wirken trotz aller Poesie unterkühlt und nicht herzbewegend. Zugleich aber spannt Lima in einer geradezu lyrischen Epik einen barock-manieristischen Kosmos voll Musikalität und Poesie, dass ich Jahnns "Fluß ohne Ufer" konsultieren muss, um einen Vergleich zu finden. Denn beide Romane sind in ihrer Struktur weniger literarisch als vielmehr musikalisch angelegt. Lima verwendet bevorzugt Ausdrücke aus der Musiktheorie. Seine Sprache fließt wie ein Fluss ohne Ufer mit allen Abzweigungen des ästhetischen Stroms seiner Gedanken. So verwundert es nicht, dass der Fisch ein elementares Symbol seines Romans ist (s. S. 239 "Das sogenannte Papageifischlein [...]". Noch mehr aber werden die sexuellen und erotischen Momente stilisiert. Der Phallus wird zum weiteren zentralen Symbol. Ich habe noch keinen Roman gelesen, in dem eine solche "sakrale" Poesie (im Sinne ihres Sublimationsgrades) die Profanität von Geilheit, Geschlechtsakt und aber auch sexueller Identität pathetisiert: Eros ist der Gott dieser Epopöe. Größter Kritikpunkt ist der starke Eurozentrismus in diesem Roman. Der kubanische Zauber geht hier zu stark verloren durch die determinierenden antiken sowie europäischen Referenzen aus Philosophie (z.B.Thomas von Aquin), Kunsttheorie und Geschichte/Mythos (z.B. die Geschichte von Georg, dem Drachentöter). Das obskurste Kapitel ist die finale Begegnung zwischen Cemí und Oppiano Licario. Lima streut immer wieder den Goethe ein und scheint eine Art Posse um den Faust zu generieren, doch mit Licarios schnellem Auftreten folgt sogleich wieder dessen Ableben, woraufhin Cemí Licarios Schwester Ynaca Eco (Ecohé - vielleicht eine Anspielung auf Echo aus dem Narziss-Mythos) bei dessen Beerdigung kennenlernt.
Die von Cortazar und Vargas Llosa gemachten Vergleiche mit Joyce und Proust kann ich aufgrund der Originalität und autarken Erzähl- bzw. Gesangskunst des Werkes nicht in Gänze teilen.