Echtzeit
Sumusal hat einen perfekt ausgebildeten Charakter. Die Statuswerte sind dreistellig, und an seinem Körper trägt er Waffen und Rüstung, die so selten und mit so viel Magie gesegnet sind, dass sie die meisten Kontrahenten, die er problemlos niedermäht, für reine Legende halten. Sumusal ist unbesiegbar. Doch dann, inmitten eines weiteren Siegeszugs, gefriert die Grafik. Und als sich der Bann wieder löst, steht Sumusal völlig nackt. „Hey, Sumusal, sag an! Wieviel Waffen hast du nun?“, verhöhnt ihn der Hacker, ein Mr. Viagra. „Keine. Du hast alles geklaut“, tippt Sumusal wutentbrannt in die Tastatur. Viagra antwortet nicht, will nicht verhandeln, Viagra ist schon wieder verschwunden. Aber Viagra hat eine Spur hinterlassen, eine Referenz jenseits der Virtualität.
Die Paradise Villa ist ein Appartementblock für Leute mit etwas gehobenerem Einkommen. Es ist der Abend des Spiels. Das Match Japan gegen Korea. In fast jedem Haushalt ist der Fernseher an. Das Haus ist voll mit Fremden. Es wird erheblich viel gesoffen, die Stimmung wird angeheizt. Und bekanntlich taugt Bier nicht zum Löschen von heiß lodernden Nationalismus. Es ist laut, es geht ein wenig drunter und drüber in der Pardise Villa an diesem Abend. Keiner bemerkt, wie der Vermieter das Mädchen auf dem Dach vögelt. (Aber das wissen eh alle, dass er das macht. Deshalb darf die schließlich da oben wohnen. Alle wissen es, ausgenommen seine Gattin ... die wahrscheinlich nicht.) Niemand interessiert sich für die Frau aus dem dritten Stock, die wieder mal ihre Runde macht, um ihren Nachbarn die Vorzüge ihrer Wasser-Desinfektions-Lösung zu erläutern Ganz besonders an diesem Abend (wo doch Korea die Japaner rundmachen soll) nervt die junge Hausiererin einfach nur penetrant. Parterre grölt es ... nein, doch kein Tor. Es ist nur diese Nachtclubsängerin, diese Nutte, die ja nicht von ungefähr aussieht wie ein Pornostar. Die angetrunkene Meute ruft ihr Anzüglichkeiten zu.
Wie gesagt, es geht drunter und drüber in der Paradise Villa, und den jungen Mann, der sich von Haustür zu Haustür schleicht, den sieht fast niemand. "Ist Mr. Viagra da?", beharrt er gegenüber der Gattin des Vermieters. Aber da steht er schon in deren Wohnung ... und möchte ohne seine Waffen und ohne seine Rüstung auch nicht wieder gehen. Dass die Frau wirklich nicht ahnt, was Sumusal von ihr möchte, interpretiert er als Scharade, durch ihr energisches Drängen, die Wohnung zu verlassen, fühlt er sich bedroht. Die Frau ist das erste Opfer in diesem rasant ausufernden Schlamassel. Sumusal metzelt sich in Echtzeit durch das Haus, sucht Mr. Viagra. Mr. Viagra – das ist der Codename des Vermieters, und der ist der Vater des eigentlichen Hackers – wird jedoch gerade schon in einer Badewanne in mülltütengroße Einzelteile zerlegt.
Es sind also noch andere Faktoren – der Alkohol, das verlorene Fußballspiel, Eifersucht – mit denen Park Chong-won die wesentliche Plotentwicklung katalysiert. Tatsächlich ist die Paradise Villa nichts anderes als ein weiterer virtueller Raum. Genau wie im BattleNet konstruieren sich die Bewohner ihre Identitäten und bemühen sich im alltäglichen sozialen Rollenspiel ihre Charaktere zu profilieren. Kosten und Nutzen werden gegeneinander abgewogen, ein Feilschen wie um Items. In diese Scheinwelt ist der Mechanismus einprogrammiert, sich selbst zu zerstören. Auf diesem Level jedoch agiert Sumusal wie der Hacker, der den Menschen ihre Fassaden stiehlt. Die Tendenz, mit der die Paradise Villa in ihre Apokalypse steuert, wird erheblich noch beschleunigt. In der Villa tobt das Fegefeuer. Schließlich werden die, deren Leichen man nicht aus dem Gebäude trägt, durch die Erfahrung gereinigt sein. Sie sind kleine, elendig verletzliche Häufchen zappelnder Menschlichkeit. Für eine Weile wenigstens, dann beginnt ein neues Spiel.