"Politik müßte nicht sein, aber sie hat in meinem Leben eine wichtige Rolle gespielt", meint Lena Grigoleit am Ende ihres Lebens. Das kann sie laut sagen -- fast möchte man meinen, die Geschichte habe sich in einem besonders gnadenlosen Moment diese bemerkenswerte Frau herausgepickt, um an ihrem Leben die Geschichte eines für immer vergangenen Landes und seiner Bewohner zu demonstrieren. Geboren wurde Lena Grigoleit im wilhelminischen Kaiserreich, im nördlichsten Ostpreußen, dem späteren Memelland, als die Frage nach der Muttersprache in ihrer Heimat noch keine nationale Frage war, sondern eher eine soziologische: Daheim wurde litauisch gesprochen, in der Schule deutsch. Wer aufsteigen wollte, musste deutsch sprechen, aber gebetet und geflucht wurde litauisch und gesungen wurde in beiden Sprachen. Der Begriff "Heimat" bezeichnete keine Staatsangehörigkeit, sondern einen eng umgrenzten Landstrich, den nach dem Ersten Weltkrieg zwar tatsächlich eine Staatsgrenze teilte, aber ein echtes Hindernis war die noch nicht.
Die politische Geschichte sollte bald eine übermächtige Rolle im Leben von Lena Grigoleit, ihrer Familie und ihren Nachbarn spielen: Zunächst ging der Wechsel noch nahezu unmerklich vonstatten, das Memelland wurde in den 1920er Jahren von Litauen annektiert, einiges änderte sich zwar, aber man hat den Eindruck, dass das Leben kontinuierlich weiterging. Die Katastrophe kam vom größenwahnsinnigen großen Nachbarn, aus Deutschland: Infolge des Hitler-Stalin-Paktes wurde Litauen geteilt, das Memelland kam "heim ins Reich", das übrige Land wurde von Stalin in Beschlag genommen. Die Situation von Lena und ihrem Mann, einem "richtigen" Litauer, wurde prekär während des Zweiten Weltkrieges, man erlebt mit ihnen den Einmarsch der deutschen Truppen, die Allgegenwart der Gestapo und den Mord an den Juden ("Nie im Leben werde ich das Geschrei vergessen in diesen ersten Tagen des Krieges. [...] Von jenseits der Grenze schrieen die Juden, sie schrieen, schrieen, [...] von all den kleinen Dörfern dorten. Sie haben sie zusammengetrieben. Sie mußten selber ihre Gruben graben, und dann wurden sie lebendig reingeschmissen."), schließlich die Flucht vor der Roten Armee 1944, die Rückkehr und das allgemeine Elend 1945, die Deportation vieler Balten nach Sibirien, schließlich die Rückkehr ins heimatliche Bittehnen/Bitenai, am Ende die beginnende Demokratisierung unter Gorbatschow und schließlich die Unabhängigkeit Litauens 1991.
Lena Grigoleit ist eine Zeitzeugin der ganz besonderen Art, sie hat sich ihren wachen Geist bis ins Alter bewahrt und erzählt nicht "nur" ihre Lebensgeschichte, sondern hat sich auch ihre eigene Meinung zu den Ereignissen gebildet. Eine nur scheinbar einfache Bäuerin, die sich von der Geschichte herumschubsen lassen musste, dabei aber nicht resignierte.
Es sind die vielen kleinen Geschichten, die den besonderen Reiz von Lena Grigoleits Lebenserinnerungen ausmachen, die der "großen" Geschichte ein Gesicht verleihen. Oft verbirgt sich hinter wenigen Sätzen ein ganzer Roman: Wenn sie z.B. aus ihrer Kindheit die makaber-skurrilen Begebenheiten um das Begräbnis des ertrunkenen Knechts Johann berichtet, oder wenn sie sich an das ergreifende Schicksal einer Nachbarin erinnert, die genau wie ihre eigene Familie auch 1945 nach Bittehnen zurückkehrte: "Eine Frau Domat war, die hatte ein Kind, das auf der Flucht umgekommen war. In der Nacht hörten wir sie, wie sie zwischen den Häusern umherging und Wiegenlieder sang. [...] Da waren viele solche Geschichten nach dem Krieg."
Es ist aber auch diese unglaublich vitale Hoffnung, die sich durch Lena Grigoleits Lebensgeschichte zieht und die einen von der ersten Seite an in ihrem Bann hält.
Am Ende ihres Lebens wohnt Lena Grigoleit in ihrem nun nahezu verlassenen Dorf, als letzte Zeugin einer vergangenen Welt: "Mehr als die Hälfte der Bittehner Höfe sind praktisch weg. Daß da einmal Menschen waren, weiß man nur noch von dem Fliederbusch. Der ist meistens noch da, jede Familie pflanzte sich damals einen vors Fenster." Fliederbüsche statt wuchtige Denkmäler -- auch dies ist symptomatisch für dieses Buch und verleiht ihm trotz all der tragischen Ereignisse einen versöhnlichen Schluss; Lena Grigoleits Erinnerungen haben nämlich ihrerseits auch viel von einem Fliederbusch, sind frei von Bitterkeit oder Revanchegedanken: "Ich bin die einzige Bittehnerin, die noch zu Hause ist".
Die Journalistin Ulla Lachauer hat die vielen Lebenserinnerungen dieser nur scheinbar einfachen Frau aufgezeichnet und behutsam redigiert. Auch ihr Nachwort beeindruckt; sie schildert darin zum einen ihre jahrelange Freundschaft zu der alten Bäuerin, zum andern fasst sie die geschichtlichen Hintergründe präzise zusammen, die zum besseren Verständnis nötig sind. Hilfreich sind auch die Landkarten ganz hinten im Buch und das Glossar litauischer und ostpreußischer Ausdrücke.
"Paradiesstraße" ist ein Geschichtsbuch der ganz besonderen Art, das dem ungerührt voranstampfenden Weltgeist ein menschliches Gesicht verleiht und seinen oft namenlosen "Kollateralschäden" ihre Würde zurückgibt.