"Vor allem muss Aufklärung über das Geschehene einem Vergessen entgegenarbeiten, das nur allzu leicht mit der Rechtfertigung des Vergessens sich zusammenfindet."
(Theodor W. Adorno)
In seinem Vorwort knüpft Wolfgang Schäche unmittelbar an das Eingangszitat an, indem er schreibt, dass das Buch als eine Anregung zu einer kritischen Reflexion verstanden werden soll. In der ausführlichen Beschreibung der Entstehung des "Kolosses von Rügen" offenbart sich die Geschichte des Planes und Bauens des NS-Staates an einem konkreten Beispiel. Als Entschlüsselung eines pseudoästhetischen Argumentationssystems soll "Paradiesruinen" dem Vergessen und Verdrängen in Ost und West entgegenwirken und als einen konstruktiven Beitrag für eine neue Qualität der Geschichtsbewältigung leisten.....
Im ersten Kapitel "Die Insel Rügen" gibt es einen geographischen und historischen Überblick über eine Landschaft, die seit Jahrhunderten auch viel Künstler angezogen hat. Johannes Brahms z. B. vollendete hier seine Erste Sinfonie, op. 68, in c-Moll. Neben dem Tourismus werden auch die enormen Landschaftszerstörungen während der DDR-Zeit, wie der Bau des Fährhafens Mukran, erörtert. Ein riesiger Containerbahnhof sollte den Güterverkehr mit der Sowjetunion sichern, für den Fall, dass in Polen die Eisenbahner streikten. Während weder im NS-Staat, noch im "real existierenden Sozialismus" über politisch motivierte Umweltsünden gesprochen werden durfte, kann heute darüber offen diskutiert werden.
Die NS-Organisation "Kraft durch Freude - Kdf" wird im zweiten Kapitel vorgestellt. Nach der Zerschlagung der Gewerkschaften wurde sie am 27. November 1933 innerhalb der "Deutschen Arbeitsfront" Robert Leys gegründet, um die staatliche Kontrolle auch auf die Freizeit des Volkes auszuweiten. Während noch am Seebad Rügen gebaut wurde, meldete Ley für das Jahr 1937 7000 Theatervorstellungen, 7 Millionen Teilnehmer am Betriebssport, 9 Millionen bei Reisen und Wanderungen, 180.000 bei Reisen der KdF-Flotte, 34 Millionen bei kulturellen und unterhaltenden Veranstaltungen. Alles für den einen Zweck, "die Nerven für die bevorstehenden Stürme des Lebens zu stärken"......
"Die Architektur im Nationalsozialismus" ist Gegenstand des dritten Kapitel. Ihre Gigantomanie offenbarte den krankhaften Baufanatismus und den Großenwahn des Diktators. Begriffe wie "Wort aus Stein", "gebauter Nationalsozialismus", "Jahrtausende" und "Bauwille" gehörten zum Vokabular des "Dritten Reiches" und manifestierten sich vor allem in den Entwürfen Alberts Speers.
Im vierten Kapitel gibt es einen Überblick Über "KdF-Reisen und KdF-Seebäder als Vorläufer des Massentourismus". Prora war für 20.000 Urlauber geplant, jeder Arbeiter sollte sich ein KdF-Wagen (VW Käfer) leisten können. Kreuzfahrten bis nach Nordafrika wurden durchgeführt. Die anfänglich dominierende Zielgruppe "Arbeiter" wurde jedoch allmählich zurückgedrängt, Parteibonzen und Mittelständler besetzten nun die besseren Reisen.
Das fünfte Kapitel stellt die Entwürfe verschiedener Architekten für den "Wettbewerb Seebad Rügen" im Jahre 1936 und dessen Gewinner Clemens Klotz vor, der bereits einen Entwurf für eine "Ordensburg" Vogelsang vorgelegt hatte. Im folgenden Kapitel wird deutlich, dass der Name des Architekten zum Programm wurde, denn es sollte ein über 2 Kilometer langer, kolossaler Klotz aus bogenförmig aneinandergereihten Segmenten entstehen. Alle spartanisch ausgestatteten, 2,5 x 5 m großen Doppelbettzimmer hatten ihre Fenster zur Meeresseite hin und verfügten über einen Vorraum mit Einbauschrank und Waschbecken. WC und Duschen befanden sich in den Treppenhausflügeln. Beginnend bei der Grundsteinlegung am 2 Mai 1936 bis zu den Rohbauten (1939) wird "Der Bauvorgang" im siebten Kapitel veranschaulicht. Aufgrund des 2. Weltkrieges wurden die Bauarbeiten 1941 jedoch endgültig eingestellt und kein einziger Urlauber verbrachte dort seine Ferien.
"Gerüchte und Legenden" besagten, dass sich unter dem "Projekt" Prora ein U-Boothafen und eine U-Bahn befinden würden. Immer wieder wurde auch behauptet, dass es in Südamerika einen Nachbau der Anlage gäbe. Als Nebenprodukt einer unreflektierten, unbewältigten Vergangenheit erscheinen diese "Prora-Legenden" der Schaffung einer geheimnisvollen Aura und der Mystifizierung dienlich gewesen zu sein.
In den Kapiteln "Nachkriegsgeschichte" und "Gegenwart & Zukunft" erfährt der Leser, dass Prora nach 1945 zuerst von der Sowjetarmee und dann missbräuchlich als Steinbruch genutzt, bis es danach vom DDR-Militär als Standort entdeckt und teilweise ausgebaut wurde. Neben einem Erholungsheim entstanden verschiedene Schulen der "Nationalen Volksarmee" (NVA) der "Deutschen Demokratischen Republik". Erst nach der deutschen Wiedervereinigung wurde die zuvor in einem Sperrgebiet liegende Geisterstadt nach und nach der Allgemeinheit zugänglich gemacht. Der Verkauf des Zentrums von Prora im Sommer 2004 betraf ausschließlich die Teile der Liegenschaft, die noch genutzt waren. Auf dem Zeltplatz ist für 2009 ist ein großes Jugendtreffen "Prora 09" geplant. Nach dem Ende der Graphikausstellung und des "Museums Prora" zum Jahresende 2006, scheint auch der Bestand des "Dokumentationszentrums Prora" gefährdet. Das letzte Kapitel des Buches endet mit dem Appell, dass das vom Europarat geförderte Dokumentationszentrum erhalten bleiben muss, denn es hat die Aufgabe der Geschichtsvermittlung und Aufklärung über die Schreckensherrschaft der NS-Diktatur. Ohne das Dokumentationszentrum würde die Gesamtanlage zu einem sinnentleerten Tourismusziel, mit dem die Relativierung der Geschichte bewusst in Kauf genommen wird.
Eine Vielzahl schwarzweißer Fotos, Luftaufnahmen, Skizzen, Landkarten pp. visualisiert den Text in beeindruckender Weise. Zusätzliche Information bieten 132 Anmerkungen, die zusammen mit einem Literatur- und einem Bildnachweis, sowie einer Vorstellung der Autoren Jürgen Rostock (Leiter des Doku-Zentrums) und Franz Zadnicek (Fotograf) den Anhang des Buches bilden. Als Zeitzeugnis über ein Denk- und Mahnmal deutscher Geschichte ist "Paradiesruinen" sehr empfehlenswert und mit 5 Amazonsternen zu bewerten.