Neue Zürcher Zeitung
rox. Es finden sich unter den erzählenswerten Phänomenen, die Anita Albus unter doppeltem «P» im anzuzeigenden Band versammelt hat, nicht nur Mitteilungen aus den Breitengraden von «Paradies und Paradox», sondern vielleicht noch mehr: Nachrichten von Paradiesblumen und Paradiesvögeln. Guillaume Postel, wer kennt ihn? Seine Lebensdaten reichen von 1510 bis 1581, ein armer Bauernsohn ist er, und doch von Gott «erhört»: Fast über Nacht scheint er Hebräisch gelernt zu haben, Arabisch kommt hinzu, schliesslich schreibt er eine Abhandlung in zwölf Sprachen: Alphabetum XII linguarum . 1546 erliegt er der Vision der «Neuen Eva», fortan ist er auf der Suche nach dieser weiblich-kabbalistischen Figur; 1553 verfügt Henri II die Inhaftierung Postels, der Grund: Postels Schrift über die «Weltherrschaft des weiblichen Geschlechts». Was Anita Albus hier skizziert ihre «malerische» Handschrift zeigt sich in den groben Umrissen ihrer Figuren , findet sich auch bei anderen Paradiesvögeln: Maria Sibylla Merian, die Malerin der Paradiesblumen; Carl von Linné, der nicht nur als botanischer Systemfanatiker, sondern mehr noch auch als Mystiker porträtiert wird. Exakte Gelehrsamkeit soll man hier nicht suchen, dafür den sprachlichen Schliff einer Ästhetin, die die Feder wie einen Pinsel führt.
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In höchsten Tönen lobt Rezensent Henning Ritter diese "reichen und disziplinierten Essays", mit denen Anita Albus seiner Ansicht nach eine "mächtige Strömung" der Natur- und Kunstgeschichte rehabilitiert. Die Autorin bewege sich mit großer Kennerschaft und besonderer Intensität auf den Spuren der von ihr beschriebenen Gelehrten und Sammler. Die Biografie oder kurze biografsche Skizze, die von der Autorin "in ruhiger, geduldiger Manier Strich für Strich wie eine Porträtzeichnung" gehandhabt werde, sei der Königsweg zu diesen Gelehrten des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts. Ritter zufolge liegt das besondere Interesse der Autorin an der Darstellung, wie diese Künstler und Gelehrten ihre Einsichten in einer von ungeheuren Spannungen beherrschten Welt hätten gewinnen und verteidigen können. Dass diese Darstellungen nun nicht zum "trockenen Unterricht" werden, gehört für den Rezensenten zu einem Hauptvorzug des von ihm so hochgeschätzten Buches. Geschuldet ist dies seiner Ansicht nach der Tatsache, dass die Autorin selbst auch Künstlerin ist. "Der Leser spürt die Leidenschaft für das Metier", schreibt Ritter, "eine Vertrautheit, die nicht nur aus dem Studium kommt, sondern aus der Versenkung ins künstlerische Handwerk".
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-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Kurzbeschreibung
Dieser Parcours beginnt in der Spätrenaissance. Dort trifft sich der Miniaturist Joris Hoefnagel mit dem Kosmographen Abraham Ortelius, dem christlichen Kabbalisten Guillaume Postel und anderen Gelehrten, Sammlern und Nomaden des 16. Jahrhunderts. Im 17. Jahrhundert folgt Maria Sibylla Merian ihren "Grillen" bis nach Surinam. Was Gott schuf, ordnete Carl von Linné im 18. Jahrhundert. Biographische Skizzen berühmter Botaniker schließen sich an. Wie Naturforscher beobachten die Brüder Goncourt ihre Zeitgenossen im 19. Jahrhundert. In der Suche nach der verlorenen Zeit von Marcel Proust geht Anita Albus den Geheimnissen Vermeers nach, und am Ende erscheint der junge Vladimir Nabokov im Spiegel einer Sperbereule, um die zwei Schmetterlinge von Hoefnagel flattern.
Im Geiste Panofskys legen diese Geschichten verschüttete Traditionen frei. Die Autorin selber erweist sich als brillante Vertreterin der Spezies, die sie beschreibt: indem sie schreibt und malt, betreibt sie eine fröhliche Wissenschaft, die manches Rätsel löst und überraschende Entdeckungen macht.
Der Band ist üppig illustriert, mit vielen Bildern, die man noch nie gesehen hat.