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Und das ist die Lektion des Lebens: Was voll ist, wird geleert werden. Hannah erwacht in einem Hotel, keine Ahnung und Erinnerung vom Wo, Wann oder Woher. Es passiert nicht viel in dem Roman, statt dessen lotet die Ich-Erzählerin ihre Seele aus: da gibt es tiefe Abstecher in die Kindheit und die Wehmut über das Ende eines behüteten Daseins, da ist die berufliche Aussichtslosigkeit, die Trauer, ständig aus den Kurven des Jetzt getragen zu werden und die große innere Leere und Einsamkeit nach so vielen schrägen Typen. Doch dann lernt Hannah Robert kennen.
Ungemein eindrucksvoll lässt A.L.Kennedy ihre Protagonistin ein trostloses und perspektivloses Leben schildern. Die Ehrlichkeit und Offenheit mit der dies geschieht imponiert zutiefst, die bedrückende Chancenlosigkeit berührt. Langsam, ohne große Handlung gerät der Leser mit in den Sog von "lebhaften 40 Prozent Vollkommenheit, folgt Hannah auf ihrem Weg der Selbstzerstörung. Wie es passiert ist immer eine lange Geschichte.
A.L. Kennedy schreibt gnadenlos, das ist nicht der erste Roman, der ihre ausgefallene, kompromisslose und unkonventionelle Art dokumentiert. Mal krass, erbarmungslos, fast grob, dann wieder einfühlsam, zärtlich. Wunderbar sarkastisch zeichnet sie diese Hannah, witzig und brillant und pointiert denkend, dann wieder melancholisch und in depressive Aussichtslosigkeit verfallend. Genial erfasst die bizarren Stationen eines Alkoholikers, Rausch, Visionen, Alpträume, Filmrisse, diese unendliche Hilflosigkeit aller, die Hannah kennen und lieben ...direkt vor ihm steht dieses glatte, große, eiskalte, herrlich sexy Scheissglas Bier.
Die sprachlichen und stilistischen Schattierungen des Romans sind ebenso vielschichtig wie die Phasen eines Trinkers. Das unerschöpflich scheinende Vokabular, die fast ergreifenden Schilderungen der Etappen zwischen Entzug und voller Dröhnung, Darstellungen bis hin zur Lautmalerei im Rausch machen den Roman zu einem ausgesprochen klugen und fesselnden, sinnlichen, aber auch bedrückenden Lesestoff. Geh, hol die Flasche. Und mein Glas.--Barbara Wegmann
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Es sind die berufliche Ausweglosigkeit, die Wehmut über das Ende einer behüteten Kindheit, die Sehnsucht nach Freunden und Familie, schließlich die Sehnsucht nach dem Paradies. Das Hauptthema ist, wie kann ich existieren, ohne das ich mich betrinke, oder sonst einer anderen Sucht erliege? Man braucht ja einen Freund in dieser kalten Welt, an dem man sich wärmen kann. Und für Hannah ist eben der beste und verlässlichste Freund der Alkohol. Ihr Zustand ist dauerhaft und unheilbar. Der Rausch ist, wie Liebe, ein ästhetischer Zustand, ein Berauschungszustand. Und dann ist da auch immer wieder die Rede vom Tod. Die Protagonistin sagt einmal explizit:“ Trunkenheit ist die Gnade eines vorübergehenden Todes“. So beschert ihr der Alkoholismus ständig diesen kleinen Tod. Sie weiß ja genau, dass wenn sie trinkt, sie sich auch dem Tode näher trinkt, dem wirklichen Tod, nicht nur diesem kleinen Tod.
Die Ehrlichkeit und Offenheit mit der Hannah ihr trostloses Leben schildert ist grandios. „Was voll ist, wird geleert“, das klingt zunächst wie ein banaler Trinkerspruch, doch die Autorin macht klar, dieser Satz ist ein Spiegel des Lebens. es ist nicht nur ein Buch über Alkoholismus, sondern auch eines über unsere Existenz. Und A.L. Kennedy beschreibt dies mit einem Gestus, der nicht herablassend diskreditiert, sondern der Hannah als beseeltes, interessantes, bedrückendes, zärtliches, einfühlsames Individuum darstellt, dabei auch eine „Erkenntnisrelation“ zulässt,nämlich dass jemand da ist der sagt, ich erkenne dich und ich weiß noch was du willst.
So lernt Hannah schließlich einen trinkenden Zahnarzt kennen, Robert, von dem man nicht weiß, ob er nun ihr Verderben oder ihr Retter sein kann. Oder ist es nur wieder eine neue Sucht, eine Liebessehnsucht? Sie kommen zusammen, verpassen sich dann aber immer wieder. Dieses Zusammenkommen ist ja nichts Finales, es ist keine wirkliche Liebesgeschichte, auch wenn Hannah die These vertritt, wenn ich mit diesem Mann leben will, dann muss ich auch mit ihm gemeinsam sterben und untergehen. Das alles ist verstörend schön geschrieben, wobei die Autorin, wie eine „Seelenchirurgin“ mit einer scharfen, einem Skalpell ähnlichen Sprache, nicht nur über den Alkohol sondern auch über die Lebenszumutungen schreibt. Und in gleicher Form schreibt sie nicht nur über den Rausch, sondern auch über diese Phasen der Trockenheit, die Passagen über die Nüchternheit, über die absolute Verzweiflung, die sie dann auf ihrem Weg der Selbstzerstörung überfällt, wenn sie nichts anzufangen weiß und dieser für sie beschissenen Welt hilflos ausgeliefert ist.
Es ist ein gewaltiges Buch, abstrakt geschrieben, unglaublich gut recherchiert, sehr intelligent, ergreifend, so glitzernd und zärtlich, gewalttätig und sanft zugleich. Trotz aller Verzweiflung, Delirien, Grausamkeiten und Unappetitlichkeiten ist es wegen der wunderbaren Sprache kein deprimierendes Buch. Und zum Schluss gibt es dann auch in einem grausamen Delirium gewalttätige Szenen, die unter die Haut gehen und wobei man aufpassen muss, sich festhalten muss, dass man nicht wie die Figur selber auch in den Abgrund abstürzt.
Es ist ein ausgesprochen obsessives Buch, eine epische Prosa, unerschöpflich in der Vielfalt der Sprachmöglichkeiten mit einer maximal differenzierten „Benutzeroberfläche“. Beeindruckend auch, wie die Autorin über die Sprache den Zustand der Sucht und die Berauschung zu duplizieren versteht, wie sie die Sprachregression im Vollrausch simuliert.
Einer der schönsten Sätze im Buch, der mir ganz besonders unter die Haut ging, als Hannah über ihren Bruder sagte, „ Ich sah in seinen Augen, dass ich weinte, also weinte ich wohl.“
Alles Fragen, die man sich stellt, um diesen Roman mitzuerleben, richtig einzutauchen in die Phasen von Sucht und der Zeit danach. Wo es zu ganz genauen Hirnarbeiten kommen kann, zu ganz klaren Umrissen auch und dann wieder hin zu der Erwartung, hin zu Träumen, hin zur Wirklichkeit.
A.L. Kennedy hat mit diesem großen Roman einmal mehr aufgezeichnet, wie es sich anfühlt in der Einsamkeit, wie die Sehnsucht nach der Kindheit sich einstellt und doch wieder die Wirklichkeit, die Alltäglichkeit überfallartig (gottseidank!) zurückkommt, wenn man nur will. Wenn man sich nur herauswagt aus der eingeschlossenen Einsamkeit.
Genau, so ist es mit den Menschen und deshalb ist es gut, daß A.L. Kennedy sich wiederum traut, krass und einfühlsam, mit ungeheurem Humor und auch ehrlich all das zu zeigen, was eben auch existiert, die Sucht nach dem Pradies, die sich im Alkohol oder der ungeheuren Sucht nach der Nähe des Menschen ausdrücken kann und soll. Besser im Letzteren, ohne das Maß nach dem anderen zu verlieren.
Gleichzeitig ist dieser Roman auch ein Bild europäischer Zivilisation mit der Sehnsucht nach alkoholischen Getränken, nach dem billigen Abenteuer auf Sportplätzen und dergleichen, also den kleinen Genüssen des Lebens.
Einfühlsam immer und hart und scharf getroffen ab und zu, diese Mischung im Roman ist das Kennzeichen dieser großen Romanschreiberin, von der wir sicher noch manches lesen werden.
Man muß es langsam und mit Genuss lesen und in sich entwickeln lassen, dann kommt die Wirkung, wie nach einem guten Schluck.
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