Der Umgang des Heiligen Stuhls mit dem "Drittem Reich" ist von Spekulationen umrankt. Nach fast siebzig Jahren wurden nun endlich die entscheidenden Akten für die Zeit bis 1939 freigegeben. Damit werden erstmals die harten Kämpfe hinter den hohen Mauern des Vatikans sichtbar. Diplomaten und Fundamentalisten, Bischöfe vor Ort und Kurienkardinäle in Rom rangen um den richtigen Umgang mit den Mächten der Moderne: Liberalismus, Kommunismus, Faschismus und Nationalsozialismus. Der mehrfach ausgezeichnete Kirchenhistoriker Hubert Wolf beschreibt und erhellt, wie es 1933 zum Konkordat mit dem "Dritten Reich" kam, warum Hitlers "Mein Kampf" nicht verboten wurde und wie es sich mit dem päpstlichen "Schweigen" zur Judenverfolgung verhält. Wolfs kritische Darstellung macht dem kundigen Leser aber auch klar, dass die vorrangig von Rolf Hochhuth, John Cornwell und Daniel Goldhagen betriebene Polemik gegen Papst Pius XII. wissenschaftlichen Ansprüchen nicht genügt. Eugenio Pacelli hatte das Reichskonkordat 1933 unterzeichnet; denn schon als Kardinalstaatssekretär von Papst Pius XI hatte er die Politik des Vatikans entscheidend mitgestaltet. Mit seiner Wahl zum Papst Pius XII. im März 1939 trug Pacelli dann die Hauptverantwortung für den politischen Kurs der Kirche.
Schon im April 1933 schrieb die jüdische Konvertitin Edith Stein, die ehemalige Assistentin von Edmund Husserl in Freiburg, an Papst Pius XI.: "Ist nicht der Vernichtungskampf gegen das jüdische Blut eine Schmähung der allerheiligsten Menschheit unseres Erlösers? ... Wir alle fürchten das Schlimmste für das Ansehen der Kirche, wenn das Schweigen noch länger anhält."
Papst Pius XII. schätzte den Bischof von Münster aufgrund seines "sittlichen Ernstes" und dank seines "mutvollen Hervortretens". Unter dem Stichwort "Gehorsam und Gewissen" fasst Autor Wolf seine Einschätzung zum Münsteraner Bischof von Galen so zusammen: "Allerdings stehen bei Galen die großen Reden gegen die Euthanasie neben dem großen Schweigen zur Judenverfolgung. Galen schwieg zu den Nürnberger Gesetzen, nach der >Reichskristallnacht< und während des Holocaust."
Fazit: Dieses Buch setzt Maßstäbe. Es ist Pflichtlektüre für alle, die sich ernsthaft für die spannungsreiche Beziehung von katholischer Weltanschauung und NS-Ideologie interessieren. Freilich ist es unvermeidlich, dass sich bei dieser Fülle an Jahreszahlen und Daten kleine Fehler einschleichen. So lesen wir in der Zeittafel über den 1. August 1936: "Hitler eröffnet die Olympischen Spiele in München." Nota bene: München war 1972, Berlin war 1936.