Beruhend auf der Legende der Johanna, die um 855 für kurze Zeit als Frau Papst gewesen sein soll und erst durch die öffentliche Niederkunft ihres Kindes enttarnt wurde, drehte Michael Anderson nach dem Originaldrehbuch von John Briley diesen Film. Er beruht NICHT auf dem Roman von Donna W. Cross. Die ursprüngliche Rahmenhandlung, die eine Amerikanerin zeigt, die glaubt, die Wiedergeburt jener Johanna zu sein, wurde entfernt und findet sich auch nicht auf der DVD.
Zur Handlung: Die junge Johanna (als Erwachsene Liv Ullmann) ist Tochter eines britischen Predigers, der die Sachsen mit dem Wort Gottes vertraut machen soll. Ihr Vater bringt ihr -außergewöhnlich für die Zeit- lesen und schreiben bei. Nach seinem Tod wird sie von einem anderen Mönch vergewaltigt, um die "Geschäftsbeziehung" (Leute zahlen Geld, um das Wundermädchen zu sehen) zu ihr nicht zu gefährden. Sie flüchtet sich in ein Nonnenkloster und arbeitet als Kopistin. Bei einem Besuch des Kaisers Ludwig I. fällt sie dem Kaiserenkel Ludwig (Franco Nero) auf. Sie lehnt seine sexuellen Avancen ab, bleibt ihm aber lebenslang in unglücklicher Liebe verbunden. Bei einem Überfall der Sachsen, bei dem fast alle Nonnen gefoltert und getötet werden, gelingt ihr zusammen mit dem Bibelillustrator Adrian (Maximilian Schell) die Flucht. Zur Tarnung schneidet er ihr die Haare ab. Angesichts des Priestermangels wird "Bruder Johannes" gleich ordiniert. Johanna erkennt die Möglichkeiten, die sie als Frau nie gehabt hätte und reist als Mann über Athen nach Rom. Papst Leo IV. (Trevor Howard) fallen die Qualitäten des jungen "Mannes" auf, so dass er ihn/sie zum Kardinalssekretär in den Vatikan beruft. Nach seinem Tod wird Johanna zu seinem Nachfolger gewählt. Das fränkisch-deutsche Herrscherhaus besteht aber darauf, seinen Einfluss auf die Wahl des Papstes zu nehmen. Johannas Schicksal nimmt bis zum bitter-bösen Ende seinen Lauf.
Das schöne an Legenden ist, dass man keine Rücksicht auf historische Authentizität nehmen muss. War Johanna nun die böswillige Erfindung antiklerikaler Kreise oder eine Metapher auf ein vermeintlich verweichlichtes Papsttum ist? Selbst Forscher, die die Existenz eines weiblichen Papstes für möglich halten, glauben eher, dass sie schamhaft in ein Kloster abgeschoben wurde und die ungeheuerliche Geschichte einer Entbindung in der Öffentlichkeit wohl "didaktischer" Natur sei: Seht her, ihr Frauen, das passiert, wenn ihr wider eure Natur lebt.
Zwar hat sich Drehbuchautor Briley (Oscar für sein Drehbuch für Attenboroughs "Ghandi") tief in die Geschichte des fränkischen Kaisertums eingegraben, dass aber Lothars Regentschaft (immerhin 15 Jahre) im Film gerade wenige Minuten dauert, irritiert schon etwas. Da merkt der Zuschauer schon, wie die Legende geschichtlich "zurechtgebogen" werden muss. Für das frühe Mittelalter, die "dark ages", ist die Quellenlage sehr prekär. Vieles, was Jahrhunderte lang geglaubt wurde, erwies sich als Fälschung. Leo IV. selbst war wohl der Auftraggeber der Pseudo- Isidorischen Dekrete, in denen er die Stellung des Papstes gegenüber dem weltlichen Herrscher ausbauen wollte. In diesem Sinne ist es etwas schade, dass der Film ein so großes Gewicht auf die psychologische Ausgestaltung einer historisch nicht belegten Figur legt, während die historischen Figuren, die eine außergewöhnlich spannende Phase des Papsttums darstellen, zu sehr am Rande bleiben.
Als richtig ärgerlich empfand ich auch die Darstellung von Johannas sexuellem Erwachen und ihre Beziehung zu Ludwig. In der Vergewaltigungsszene wird angedeutet, dass Johanna schließlich Lust empfindet, so stark, dass sie schließlich dem künftigen Vater ihres Kindes nicht widerstehen kann, was ihr zum Verhängnis wird. Man muss nicht radikalfeministische Ansichten teilen, um diese Darstellung sehr problematisch zu finden (die Lieblingsausrede von Vergewaltigern: "Sie wollte es doch auch.").
Dass Franco Nero einer der heißesten Männer des europäischen Films ist, möchte ich nicht bestreiten, aber seine Beziehung zu Johanna ist derart an den Haaren herbeigezogen und unglaubwürdig, dass es weh tut. Natürlich wird sich ein Mann mit vielen Möglichkeiten nicht an jeden Flirt erinnern, aber Ludwig verbringt viel Zeit mit "Bruder Johannes", steht von Angesicht zu Angesicht mit "Papst Johannes" und er will dabei nicht einmal ins Grübeln gekommen sein? Und dann soll er, der seine Stellung nur halten kann, wenn der Papst, der ihn (im Film) gekrönt hat, nicht bloßgestellt wird, diesen derart in Schwierigkeiten bringen? Nicht logisch. Am intensivsten sind die Szenen Johannas mit Papst Leo IV. und Adrian. Hier kann sie Intellekt und taktisches Talent beweisen. Die neue Identität ist die einzige Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen. Insofern erinnerte mich der Film manchmal an Barbra Streisand "Yentl". Zudem nimmt der Film Bezug auf das sich ändernde Verhältnis zwischen Papst- und Kaisertum. Während des Frühmittelalters war der Papst auf den besonderen Schutz der fränkischen Könige und Kaiser angewiesen, die dementsprechend direkt Einfluss auf die Papstwahl nahmen. Mit der Ausbreitung des Christentums in Europa aber erwuchs dem Papst ein ungeheures Instrument: Die mögliche Exkommunikation wurde als Drohgebärde eingeführt. In den kommenden Jahrhunderten kehrte sich das Machtverhältnis Papst/Kaiser um.
Im damals noch kommunistischen Rumänien entwarfen die Filmemacher ein Rom des Frühmittelalters. Ausstattung und Kostüme bemühen sich um Authentizität. Die Musik Maurice Jarres ist manchmal etwas zu schön, sind einige Szenen doch eher kontemplativer Natur. Liv Ullmann ist von einer herben Schönheit, die das Rollenspiel nie unglaubwürdig erscheinen lässt. Persönlich hat mir die Rolle des Bruders Adrian sehr zugesagt, der als einziger Vertrauter Johannas für ein Minimum an Humor in dieser düsteren Geschichte sorgt. Eines meiner Filmlexika nannte den Film einen "hirn- und geschmacklosen Schwachsinn", aber das ist schon sehr überzogen, gewisse Schwächen sehe ich aber durchaus.
In weiteren Rollen sind Olivia de Havilland, Lesley-Anne Down und Jeremy Kemp zu sehen. Keir Dulleas ("2001") Rolle fiel der Schere zum Opfer.
Neben Untertiteln in Deutsch und Englisch gibt es Interviews mit Ullmann, Schell, Briley, Anderson und Kurt Unger (Produktion), jeweils mit deutschen Untertiteln (zusammen 56 min.). Warum die Rahmenhandlung entfernt wurde, wird nicht thematisiert. Geschichten um Wiedergeburt waren aber schon damals nicht wirklich prickelnd, so dass die um die Rahmenhandlung gekürzte Fassung wohl annehmbarer ist, zumal zu Beginn des Films ausdrücklich auf den Legendencharakter eingegangen wird. Besonders unterhaltsam ist das Gespräch mit Schell, da er immer wieder vom Thema abweicht. Guter Ton (vielleicht im Original etwas leiser) und eine gute Bildqualität.
Ein eher interessanter als wirklich gelungener Film. Aufschlussreich in den Gesprächen im Vatikan und in der Darstellung des Machtverhältnisses zwischen Papst und Kaiser, eher schwach in der Johanna/Ludwig- Beziehung. Aufgrund der tollen Ausstattung und der durchweg guten Darstellerleistungen runde ich gerne auf vier Sterne auf.