Aus der Amazon.de-Redaktion
Eines Tages entdeckt Professor Montag in den Unterlagen seiner Frau eine vorformulierte Todesanzeige für den Fall seines Ablebens. Der Mann, gerade von den Schwierigkeiten einer Operation genesen, kann mit seiner Frau nicht über diesen Fund sprechen, bemerkt aber, dass sich irgendetwas, was sich nicht näher benennen läßt, verändert hat. Trotzdem beginnt er, die alljährliche Urlaubsreise zu planen, die die ganze Familie (drei Generationen) schließlich nach Triest führt.
Kontinuierlich sind die Hinweise auf Verstimmungen innerhalb der Familie. Meisterhaft gelingt es Lange, selbst mit Hilfe feinster Nuancen die Spannungen zwischen den Menschen zu beschreiben. Eine Atmosphäre unterdrückter Gefühle, nichtbewältigter Probleme, fehlender Kommunikation und gesellschaftliche Erwartungen an den alten Mann, der gefälligst bald zu sterben hat, sind bestimmend für diese Urlaubsreise. Auffällig kontrastiert zu diesen einengenden Stimmungsbildern sind die eigenen lebensbejahenden Gefühle des Professors, die immer wieder an Metaphern von Weite und Unruhe festgemacht werden. Schließlich führt Professor Montag die Familie an das Capo d'Orlando, einen Felsen, dessen Spitze ins Meer hinausführt. Mit dieser Szene endet die Urlaubsbeschreibung. Vier Monate später konstatiert Montags Frau Irene, dass ihr Mann immer noch fort ist. Er war auf der Urlaubsreise einfach verschwunden.
Wie schon die Erzählung Die Wattwanderung beschäftigt sich auch Die Reise nach Triest mit kleinen Fluchten aus Sinn- und Lebenskrisen, die Menschen ihrer Lebendigkeit berauben. Anders als in Die Wattwanderung, in der der Protagonist in einen unmotivierten Selbstmord geht, ist in Die Reise nach Triest offengelassen, ob Montag noch lebt oder nicht.
Lange gelingt es gleich einem Impressionisten mit wenigen Federstrichen in diesem schmalen Erzählband, die Rätselhaftigkeit der menschlichen Existenz in den Mittelpunkt zu stellen. Langes Sprache lebt von Andeutungen, die Worte sind genau gewählt, sein Stoff steht ungeformt vor dem Betrachter, der die dargestellten Probleme mühelos weiterdenken kann. Die Reise nach Triest ist eine empfehlenswerte Erzählminiatur, die nachvollziehbare alltägliche Probleme in den Mittelpunkt des Geschehens stellt. --Christoph Steven
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Kurzbeschreibung
Professor Montag, Rekonvaleszent nach einer schweren Operation, ist mit Vorbereitungen für eine Reise in den Süden beschäftigt; mit Frau, Sohn, Schwiegertochter und den beiden Enkelinnen will er nach Sizilien fahren. Vor Antritt der Reise macht Professor Montag jedoch eine unerhörte Entdeckung. Offensichtlich denken die ihm Nahestehenden über seinen gesundheitlichen Zustand ganz anders als er."Als eine sich ereignete, unerhörte Begebenheit hat Goethe im Gespräch mit Eckermann die literarische Form der Novelle definiert, und Hartmut Lange liefert in diesem Sinne mit seiner neuen Prosaarbeit ein Meisterstück novellistischer Erzählkunst.
In leisen Tönen und mit lakonischem Ausdruck erzählt Hartmut Lange eine ebenso einfache wie absurde Geschichte, die ihre Dynamik aus der Unmöglichkeit der Verständigung bezieht."(Rheinischer Merkur)
"Hartmut Lange hat eine seltene Meisterschaft in der Form der Novelle erreicht, wie man sie seit Theodor Fontane und Thomas Mann in der deutschen Literatur nicht mehr gelesen hat."(Hannoversche Allgemeine Zeitung)
"Ein spannendes Buch mit großer psychologischer Intuition, erzählt in einer knappen Sprache, die ohne jedes Pathos auskommt. Hartmut Lange erweist sich als versierter literarischer Minimalist."(General-Anzeiger)
"In beiden Prosastücken schlägt am Ende das Geschehen ins Mysteriös-Unheimliche um und ruft eine Verunsicherung der Erfahrungsmuster hervor, die dennoch nicht die Vernunft verabschiedet."(Frankfurter Allgemeine Zeitung)
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.