Multitalent Stephen Fry hat als Schriftsteller nicht nur Romane zu bieten.
"Paperweight" umfasst sämtliche Kolumnen, journalistische Artikel, Kritiken und in Text umgewandelte Radiobeiträge. Abgeschlossen wird das Buch mit einem selbstverfassten Theaterstück, also praktisch mit einem kurzen Skript.
Zurecht darf sich das Buch "Paperweight" (deutsch: Briefbeschwerer) nennen, mit 550 Seiten gehört es sicher zu den seitenreichsten Schmökern von Fry.
Wichtig noch zu wissen: der Löwenanteil ist namentlich vom Autor verfasst, während eine kleine Reihe von Kolumnen von Frys Alter Ego Donald Trefusis stammt. Donald Trefusis, Philologie-Professor in Cambridge taucht auch als eine bedeutende Nebenfigur im Roman "Der Lügner" auf und überzeugt auch hier durch seine durchaus freche aber amüsante Schnauze, was man von Professoren - selbst von fiktiven - nicht alle Tage erwartet.
Die Themen sind querbeet und ein gewisser roter Faden ist das britische Heimatland von Stephen Fry. Sie drehen sich um Schuldbildung, Politik, Drogen, Schwulenrechte, Kultur, Fernsehen, Alltagssorgen, Prominente, Intoleranz, Cricket...um einige zu nennen.
Es ist beruhigend, dass Fry auch sämtliche Themen bespricht, die praktisch zeitlos sind und immer passen. Denn brandneu sind seine Texte nicht mehr: um 1986 entstand die erste Kolumne, 1992 die jüngste.
Wer sich damit abfindet, zu einigermassen neuen Themen nichts im Buch finden zu können, wird dennoch Freude an der Lektüre haben.
Wie schon erwähnt passen viele Themen nach wie vor und Fry schreibt auf humoristische Weise, die einem wirklich und das nicht zu selten ein breites Schmunzeln ins Gesicht zaubern kann.
Er scheut sich aber auch nicht davor, ernste Themen (z.B. vermehrte Diskriminierungen gegenüber Homosexuellen) oder ernste Seiten eines Themas zu behandeln etwa, wenn er erzählt, wie ihm eine Tasse mit einem "Teenage Mutant Ninja Turtles"-Motiv (!) geschenkt wurde (zu dieser Zeit vor allem ein populäres Franchise) und er sich darüber Gedanken macht, welche Frauen oder Kinder sie in einer chinesischen Massenproduktion womöglich angefertigt haben mögen.
Das macht Fry trotzdem nicht zum Miesepeter, er entfernt sich eher von oberflächlichen Denkmustern. So bleibt er dem Leser keine Erklärung darüber schuldig, warum er es nicht automatisch für eine gute Idee hält, Eltern in die Schulbildung der Kinder sich einmischen zu lassen oder warum er familiäre Werte in den Medien als heuchlerischen Humbug betrachtet.
Was - wie ich finde - seine Kolumnen noch interessanter macht, da sie nicht bedingungslos "Ja" oder "Nein" zu einem Thema sagen, da er eben sehr gut seine Ansichten erläutern kann, ohne sie als ultimative Meinung "fürs Volk" verkaufen zu wollen. Er stellt lediglich eine andere Sichtweise auf ein Thema dar.
Stets spricht er den Leser (oder Hörer, falls es sich um Radioansprachen handeln) auch direkt durch die Texte an und behandelt ihn mit Respekt, entschuldigt sich witzigerweise auch dafür, ihn wieder mit so einer Kolumne zu belästigen oder ihn zu langweilen.
Wie gesagt wird "Paperweight" mit einem Skript zu einem Theaterstück mit dem Titel "Latein!" beendet.
Dieses wurde von Fry nach eigenen Angaben für die Schule verfasst, als er 22 Jahre alt war.
Beim Lesen des Titels allein war ich mir unsicher, ob mich überhaupt ein prickelndes Leseerlebnis erwarten würde, denn nie hatte ich je Latein gelernt, geschweige denn als Studentin.
Doch schon von Anfang an sprüht das Stück vor Witz und lässt die irrwitzigen Dialoge und Geschehnisse in der Fantasie des Lesers sicher noch komischer wirken.
In ihm dreht sich alles um einen jungen Lateinlehrer, der sich zum einen mit seiner grösstenteils unfähigen Jungenklasse (seiner Meinung nach) rumschlägt und zum anderen von seinem älteren Nebenbuhler um die Nachfolge als Schuldirektor in die Zange genommen wird.
Ein sehr gelungener Buchabschluss also und es lohnt sich allemal, sich das durchzulesen!
Richtig abgeschlossen (zumindest in der deutschen Version) wird mit Anmerkungen des Übersetzers, der dem Leser eine Reihe von Namen (z.B. von Politikern oder Schriftstellern), Titeln (z.B. von britischen Spieleshows) und einiges mehr in Kürze erklärt.
Die Ausgabe, die ich habe, stammt aus dem Jahr 2008, so dass sogar aktuellere Bezüge gemacht werden können, z.B. zu Filmen von 2001.
Apropos: Was lediglich wirklich anzumäkeln ist ist die Tatsache, dass sich Nicht-Briten mit einigen seiner Texte weniger identifizieren könnten. Wer sich gar nicht oder kaum für Grossbritannien, seine Kultur, seine Medienlandschaft, seinen Sport oder seine Politik (noch dazu die der späten 1980er) interessiert, steht mehr oder weniger auf verlorenem Posten.
Das führte den Übersetzer des Buches sogar dazu, "Paperweight" um Kolumnen (wieviele weiss ich leider nicht) zu erleichtern, die trotz Erklärungen und Fussnoten zu unverständlich für Leser ausserhalb Grossbritanniens wären.
Hier gilt: gut gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht. Ist das nicht etwa Zensur? Selbst wenn ich die Texte kaum begreifen könnte, wäre es immer noch nett, ein Buch komplett in den Händen zu halten.
Immerhin liest sich in "Der Lügner" zum Beispiel gleich ein ganzes Kapitel über ein Cricket-Spiel und diese Sportart ist nun ja den meisten Rest-Europäern und Amerikanern nicht unbedingt bekannt.
Hier hat man sich schliesslich auch nicht erlaubt, einfach was rauszuschmeissen, um den Leser zu "schonen".
Fazit: "Paperweight" ist und bleibt ein Lesegenuss, daran ändern auch das gewisse Alter der Texte und der Verlust einiger Kolumnen nichts. Ich nenne das den "Fry für Zwischendurch" und liest sich köstlich. Mehr als der Buchtitel vermitteln will.
Und gerne würde ich "Paperweight 2" einmal in den Buchläden entdecken, wenn es das überhaupt gäbe.