Der Einskommafünfer
O Gott, bin ich kaputt!
Ich schleppe mich mit letzter Kraft zum Sofa und lasse mich fallen.
Was haben andere Väter an diesem Tag nur getrieben?
Sie haben gekämpft, Konkurrenten übers Ohr gehauen, Millionen gescheffelt, sich
beim Arbeitsamt gemeldet, politisiert, bramarbasiert, Kriege vom Zaun gebrochen,
zwanzig Meter lange Trucks gefahren, Häuser gebaut oder verjubelt.
Alles, was Väter eben den ganzen Tag über so tun.
Und ich?
Ich habe den lieben langen Tag damit verbracht, kleine Hintern zu wischen,
Nuckeln hinterherzukrabbeln, Bananen zu quetschen, Grieß zu kochen, Badewasser
einzulassen, Haare zu rubbeln, Überschwemmungen zu beseitigen, Bäuche
einzucremen, Teller von angetrocknetem Brei zu befreien, Staubflusen zu jagen
und Schlaflieder zu singen.
Kurz: Ich bin die bärtige Kammerzofe eines sechsjährigen Vorschulkindes und
eines acht Monate alten Babys.
Irgendwie ist es doch noch Abend geworden. Die Erde muß sich tatsächlich
weitergedreht haben, ohne daß ich es bemerkt habe.
Elisa liegt gebadet, gewickelt, balsamiert und entschnupft in ihrem Bettchen.
Laura, die Große, spielt noch ein wenig in ihrem Zimmer, meine Frau in ihrem
Büro.
Mit leicht zitternder Hand greife ich nach der Fernbedienung, um zu sehen, ob
der Fernseher noch funktioniert, nachdem ihn das Baby mit Bausteinen bearbeitet
hat. Das Fernsehbild flimmert und zeigt mir unzusammenhängende Bilder.
Aber das mag wohl an meiner Erschöpfung liegen.
Beim Zappen beobachte ich entgeistert, wie der mörderische Alien gerade eines
seiner Nachkommen in Ellen Ripleys Kopf einpflanzt und nicht mitbekommt, daß im
Nachbarsender zur gleichen Zeit ein hingerichteter Serienkiller wiederkehrt, was
kein allzu netter Anblick ist. Um die Konfusion komplett zu machen, taucht auch
noch ein Dämon auf, der es auf Priester abgesehen hat. Wahrscheinlich haben sie
ihm die Absolution verweigert.
Von Nebelschwaden umwabert, entsteigen Mitglieder einer Satanssekte ihrem Grab.
Ein paar Kanäle weiter legt sich Rocky mit Sowjet-Superboxer Drago an, und -
klick! - zwei ausgebüxte Damen halten das Team eines Altenheims in Atem. Und das
alles an einem Abend. Nachvollziehbar erscheinen mir allenfalls die Bilder aus
dem Alltagsleben der lustigen Schleichkatzen in der Wüste Kalahari, die mich in
gewisser Weise an mein gegenwärtiges Leben erinnern.
Was bleibt einem da übrig, als hinwegzudämmern? Während langsam die Lichter in
meinem Kopf verlöschen, drückt mein Zeigefinger instinktiv auf irgendeine Taste
der Fernbedienung.
"Halloooooo, ich begrüße Sie ganz herzlich zu unserer neuen Talkshow", jubiliert
mir ein geschniegelter Moderator auf Kanal Nullachtfünfzehn ins Ohr.
Talkshow! Genau das richtige zum Einschlafen.
"In dieser Sendung soll es um Sonderlinge und Außenseiter gehen", säuselt der
Moderator. "Und deshalb begrüßen wir jetzt einen Mann, der sein Motto gleich
selbst vorstellen wird."
Die Kulissentür geht auf. In meinem Dämmerzustand sehe ich einen Kerl, der
komischerweise genauso aussieht wie ich. Er ist schlaksig, läuft ein bißchen wie
ein Bär, lächelt etwas verlegen und schiebt sich alle drei Minuten die Brille
hoch. - Schon komisch.
"Ich bin stolz, ein Einskommafünfer zu sein", behauptet er.
Der Moderator grinst und fragt: "Warum bezeichnen Sie sich eigentlich als
Einskommafünfer?"
"Weil sich, einer Untersuchung zufolge, lediglich eins Komma fünf Prozent aller
Männer den Erziehungsurlaub mit ihren Frauen teilen."
Habe ich mich verhört? Da sieht im Fernsehen jemand aus wie ich und macht auch
noch dasselbe. Was für ein verrückter Zufall!
Der geschniegelte Moderator sagt: "Ich darf mal ein bißchen genauer nachfragen,
ja? Sie bleiben also tatsächlich zu Hause?"
"Ja."
"Und Sie wischen dem Baby die Nase, windeln es, waschen ab, putzen die Fenster,
kaufen ein und das alles?"
"Ja, dazu bin ich ja zu Hause."
Der Moderator, Typ erfolgsorientierter Yuppie ohne Familie, scheint überhaupt
nichts anfangen zu können mit dem Gast, den ihm seine Redaktion da ins Studio
geschickt hat, und beginnt, sich lustig zu machen:
"Man muß sich das mal vorstellen, liebe Zuschauer: Da bleibt ein gestandenes
Mannsbild zu Hause, um zu kochen und zu putzen. Sagen Sie, tragen Sie beim
Fensterputzen eigentlich ein Schürzchen und Lockenwickler? Oder ist das nicht
vorgeschrieben? Hi, hi, hi, ho, ho, ho."
"Moment mal", sagt mein Fernseh-Doppelgänger und blickt den Moderator
herausfordernd an: "Bevor Sie sich totlachen, möchte ich Ihnen eine kleine
Geschichte erzählen: Eines Tages kam ich etwas früher als sonst von meiner
Arbeit in der Zeitungsredaktion nach Hause. Meine große Tochter sah mich an, als
sei ich ein Eindringling, der die Familienidylle stören will. Das Baby weinte,
denn es hatte Angst vor diesem abgekämpften, finster dreinblickenden Onkel.
Meiner Frau rutschte vor Überraschung der Breiteller aus der Hand. Da fiel mir
plötzlich auf, daß ich meine Kinder seit sechs Tagen nicht gesehen hatte, obwohl
ich jede Nacht zu Hause schlief. Ich war aus dem Haus gegangen, als die Kinder
noch schlummerten, und zurückgekommen, als sie schon längst wieder im Bett
lagen.
An diesem Abend setzte ich mich zu meiner großen Tochter und nahm mir endlich
mal wieder Zeit, mit ihr zu reden. Ich erfuhr, daß sie den Felix aus ihrer
Kindergartengruppe nun nicht mehr heiraten wolle. Statt dessen ginge sie jetzt
mit Willy. Die Kindergärtnerin hatte beide hinter dem Gebüsch erwischt, als sie
sich gerade die nackten Bäuche zeigten."