Ein Witwer von 66, also im besten Mannesalter, gut versorgt, er besitzt unter anderem haitianische Aktien, und besten mit zwei hübschen Damen gleichzeitig liiert - der Bürger Célestin Guittard führte eine Art Tagebuch, in dem er nicht nur das genossenen Glück mit seinen Damen mit einem Kreuzchen versieht. Er notierte auch sonst so alles, was ihm auf- und einfiel.
Das ist an sich noch nichts Besonderes, wäre Bürger Guittard nicht Augenzeuge großer historischer Ereignisse und Umbrüche gewesen. Und das zu Zeiten der Französischen Revolution. Diesem aufmerksamen Beobachter alos entging nichts. Nicht die Hinrichtungen auf der Place de Gréve, er schmähte die Opfer gar. Und nicht die Einnahme und Wirkung von Abführmitteln. Auch das Wetter war ihm wichtig. Notierte er doch von Tag zu Tag und zu Beginn jeder Eintragung - zum Beispiel - "Therm. 24. Mittags Wind; es war sehr warm und trocken". Er klagte über Schmerzen und Würmer und Läuse, ließ uns teilhaben an seinem ersten Austerngenuss (mit Salz und Pfeffer), "aber das ist nichts für mich". Und. und, und...! Teilweise sind die Notate auch noch mit herrlichen kleinen Grafiken "verziert".
Auch an seiner ausgiebigen Zeitungslektüre lässt er uns teilhaben. Und hat eine Meinung dazu: sei es zur Tabakssteuer oder zum Eid der Priester auf die Verfassung, sei es zur Hinrichtung von der Prinzessin Lamballe, einer Freundin von Marie Antoinette, der man den Kopf abschnitt, weil sie "sich mitschuldig gemacht hat am Verrat der Revolution". Der erste Gottesdienst der Protestanten in Paris wurde ebenso vermerkt wie die Einführung der Brotmarken. Und schließlich fallen die großen Revolutionäre selbst unter dem "Rasiermesser der Revolution", wie er etwas süffisant anmerkt.
Er war in jedem Fall ein ehrenwerter Mann - dieser Bürger Guittard, Jahrgang 1724. Er lebte ab 1769 in Paris, wurde 1783 Witwer. Die Tagebucheintragungen beginnen am 26. Januar 1791 und enden am 15. Mai 1796 mit dem Eintrag: "Therm. 15. Wind aus West und Südwest. Es hat am Morgen und 2 Mal am Nachmittag ein wenig geregnet."
Es sind Alltagsgeschichten, die dem Leser nicht viel Neues über die Französische Revolution, durch die Guittard sich, wie der schöne Titel lautete, "Auf Pantoffeln durch den Terror" bewegt. Und doch ist sein Tagebuch ein beredtes Zeugnis über das Leben der Menschen, besser: der Bürger in der Revolution; über seine Ansichten, über seinen Opportunismus und seine political correctness. Und damit ein Zeitzeugnis von hohem Rang.
Die Einleitung des Herausgebers Wolfgang Müller und Nachwort, ein wunderbarer Essay von Volker Urich, sind äußerst informativ. Und da Buch ist - bibliophil gesehen - einfach schön. Ein Lesevergnügen der Extraklasse.