Da ich zur jüngeren Generation gehöre, ist es verzeihlich, dass ich bis auf ein paar Songs bis vor kurzem noch nichts von Udo kannte. Dann habe ich mal eine Sendung im TV gesehen über ihn, und konnte von da ab nachvollziehen, warum es immer heißt, dass Udo eine "Sonderstellung in der deutschen Rockmusik" seit den 70er Jahren innehat. - Mit Ausnahme von Bands wie "ton, Steine, Scherben", wobei ich auchnach Hören dieses "Best Of"- Albums letztere Band klar gegenüber Udo bevorzuge!
Nichtsdestotrotz scheint Udo aber insbesondere in seiner Frühphase einige geniale Sounds entworfen zu haben, die aber wohl weitgehend auf diesen frühen Studioalben geblieben sind; denn hierauf habe ich sie zum Teil nicht (alle) gefunden!
Es scheint mir daher, dass nicht alle guten Songs von Udo auf dieser Doppel- Scheibe versammelt sind. Andererseits dürften kaum Jemandem alle Singles von Udo gefallen haben. Mir persönlich gefallen einige Singles aus der Frühphase des Sängers sehr gut, als udo noch weniger mit computern und Rhythmusmaschinen, aber noch mehr mit Herz und originalen Musikinstrumenten gespielt hat; allen voran: "Cello" (ist hier allerdings in einer modernen, noch guten Version drauf; es gibt eine bessere, rockigere Version!).
Bekannt ist Udo auch durch Ohrwürmern aus den 80er Jahren, wie "Sonderzug nach Pankow", "horizont", "Ich lieb Dich überhaupt nicht mehr", "Ein Herz kann man nicht reparieren".
Mir sind diese Songs aber zu Schlager- lastig; ein Widerspruch und Zeichen von mangelnder Konsequenz, wenn man bedenkt, dass Udo sich ursprünglich gerade vom Schlager abgrenzen wollte. Ich bevorzuge ganz klar einige der frühen Werke von Udo, aus den 70er Jahren, innovativer Rock and Roll, Blues und Jazz, die hier aber ziemlich kurz kommen, und von denen sich Udo leider (aus kommerziellen Gründen?) viel zu früh verabschiedet hat; stattdessen überwiegen dann ganz klar Pop und Schlager. Für veritable Blues- und Rock and Roll- Fans ist das aber allenfalls die zweite Wahl!
Ich war daher etwas entttäuscht von dieser Doppel- Scheibe. Auch deswegen, weil es sich hier bei vielen Versionen der songs um "aufbereitete Versionen" zu handeln scheint. Diese wirken mir aber nicht immer besonders gelungen!
Auch kommen mir manche Texte etwas flach vor, weshalb man ein wenig an der Glaubwürdigkeit von dann ernster gemeinten Songs zweifelt.
Was den "gesang" von Udo angeht, so muss darüber nicht mehr viel gesagt werden: für mich wirkte das Genuschel (kann der Sänger nicht anders, oder warum macht er das?) schon immer etwas unmotiviert und gelangweilt; wenig engagiert, was auf mich den Eindruck des Sängers als einen gelegentlichen "Blödel- Barden" verstärkte.
Nach diesem Album habe ich so ernste Zweifel, ob Udo musikalisch noch "lange überlebt". Irgendwie wirkt doch vieles recht abgedroschen und nicht mehr innovativ. Jüngere Hörer dürften Schwierigkeiten haben, sich mit diesem Sänger anzufreunden. Zumal es in der heutigen Zeit (endlich!) bessere deutschsprachige Musik gibt als Lindenberg, womit sich die Jugend auch besser identifizieren kann. Für mich wirkt Lindenberg - bei aller Liebe! - doch mehr wie ein - ziemlich typisch deutsches (das ist negativ gemeint!) - Relikt aus den 80er Jahren. Für die Jugend wird die "historische Bedeutung" des Sängers nicht mehr leicht verständlich sein, und kaum ein Grund sein, ihn deswegen gerne zu hören!
Seit den 90er Jahren aber hat die Qualität nicht nur von der Musik, sondern vor allem der Texte von Lindenberg meiner Meinung nach rapide abgenommen; sie wirken meist oberflächlich und ideenlos.
Wenn man den Hintergrund von Udo als "Gesamtkunstwerk" kennt, der sich schon früh für die friedliche Wiedervereinigung eingesetzt hat, und für den die Musik nicht immer nur billige Unterhaltung gewesen ist, muss man dennoch für den Meister großen Respekt haben!
Mit Blick auf die "credits" fällt hier auch auf, dass Lindenberg fast alle Singles selber komponiert hat; meist alleine; ansonsten zumindest als Co- Autor. Eine Leistung, die man (mit diesem Erfolg) heutzutage kaum noch findet!
Auch gefällt, dass Lindenberg meist immerhin mit entweder recht flotten Rhythmen zu überzeugen weiß, und sonst gute, brillante, gefühlvolle Balladen singen konnte, die oft von der "Liebe über mauern" im Kalten Krieg handeln, zu Mädchen aus der DDR oder (Sowjet-) Russland. Er war in dieser Hinsicht ein echter Vermittler zwischen diesen beiden "welten", dadurch besonders glaubwürdig und (auch vom Osten) akzeptiert, weil er in erster Linie nicht ohne Sympathien für den Sozialismus war, sondern vor allem krieg, Gewalt und Unfreiheit ablehnte.
Doch so widersprüchlich es scheint: durch den Fall der Mauer und "Glasnost und Perestroika", die Lindenberg immer sehr begrüßte, hat Udo seine ursprüngliche Funktion verloren! Seit der "Einheit" wirkt er in seinen Texten etwas ideenlos, flach und wirkt (trotz des großen Erfolges seines letzten Albums, der ihn allerdings - völlig zurecht! - gewundert hat) weniger überzeugend als früher. Für mich scheint der ständig im Hotel lebende Sänger zwischen Ost und West, der einst sang: "Wo ich meinen Hut hin häng, da ist mein Zuhause" jetzt ziemlich heimatlos.
Gut an dem Album ist noch, dass im Booklet Lindenberg's PR- Berater zu jedem Song eine kleine Geschichte zur Entstehung geschrieben hat.
Auch ist das Doppel- Album recht großzügig gemacht, mit insgesamt 38 Songs und über 140 Minuten Spielzeit an Musik! (wobei Qualität natürlich vor Quantität geht!) (ich selber kann allerdings nie 140 Minuten Lindenberg am Stück hören, da mir irgendwann dann doch die nölende Stimme auf die Nerven geht!).
Für den sehr hohen Preis würde ich das Doppel- Album allerdings nicht noch einmal kaufen! Ich bin schließlich nicht "Im Club der Millionäre"!
Das Album ist daher eher was für absolut überzeugte und eingefleischte Lindenberg- Fans, die alle (Single-) Songs aus allen seinen musikalischen Epochen mögen, und die bisher kaum andere Scheiben des Meisters besaßen!