Weißrussland scheint ein vergessenes Land fernab in Osteuropa zu sein, regiert von einem Diktator, der es immerhin von Zeit zu Zeit in die Schlagzeilen der Weltpresse schafft. Dass dieses Land zwischen Polen, Litauen und Russland es nicht verdient hat, vergessen zu werden, zeigt Felix Ackermanns bahnbrechende Arbeit. Auf der Suche nach den Ursachen für die Dominanz des Russischen in der sich selbst als weißrussisch definierenden Stadt Grodno zeigt er, wie stark insbesondere der Westen des Landes in Mitteleuropa verwurzelt war und ist.
Bereits der kurze Überblick über die Geschichte des 1919 hauptsächlich von jiddisch- und polnischsprachiger Bevölkerung bewohnten Grodnos macht die dramatischen Zäsuren deutlich, die die Stadt im 20. Jahrhundert prägten: Auf ihre Zugehörigkeit zum Russländischen Reich nach den Teilungen Polens folgte in der Zwischenkriegszeit die Regierung durch die Zweite Polnische Republik. Zwischen 1939 und 1941 und dann wieder ab 1944 bis 1991 war die Stadt Teil der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik, zwischen 1941 und 1944 war sie von deutschen Truppen besetzt. Zu welchem Machtbereich die Stadt im 20. Jahrhundert auch gehörte, immer wurde versucht, das Bild der Stadt und ihre Bevölkerung im Sinne der eigenen nationalen Vorstellungen zu verändern.
Der Autor zeigt, dass bereits in der Zwischenkriegszeit mit einer Säuberung der Stadt von russischen Spuren der Versuch unternommen wurde, Grodno exklusiv für eine, nämlich die polnische Nation zu vereinnahmen. Für die Demografie der Stadt sollte sich jedoch insbesondere der Zweite Weltkrieg als verheerend erweisen. Ackermann macht in diesem Ereignis gut begründet die 'Geburtsstunde der staatlichen Einschreibung moderner, weißrussischer Identitäten' (S. 327) aus.
Auf die Annexion der Stadt durch die Sowjetunion 1939 folgten zunächst mehrere Deportationswellen, die zwar in erster Linie gegen bestimmte, staatstragende Klassen der Zweiten Polnischen Republik gerichtet waren, damit aber hauptsächlich Polen trafen. Die deutsche Okkupation zwischen 1941 und 1944 war für die jüdische Bevölkerung tödlich. Ackermann zeigt eindrucksvoll den Untergang des jüdischen Grodno und zeichnet die Lebenswege der wenigen Überlebenden nach. Nach Jan Tomasz Gross' viel diskutierten Arbeiten kann diese Studie erneut nachweisen, wie unter dem situativen Zwang der Besatzung aber auch aufgrund tradierter Vorturteile und niedriger Beweggründe Teile der polnischen Bevölkerung die deutschen Schergen bei der Durchführung des Holocaust unterstützten.
Nach der erneuten Annexion durch die Sowjetunion 1944 entschieden sich viele polnischsprachige Bewohner der Stadt für eine Ausreise nach Polen in seinen neuen Grenzen. Diese Ereignisse führten dazu, dass von 50.000 Vorkriegsbewohnern nur 15.000 vor Ort verblieben. Umso erstaunlicher ist der demografische Sprung, der nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte und durch die Neuansiedlung von Industrie bis 1989 zu einem Zuwachs auf 270.000 Bewohner führte. Bezüglich der Nachkriegsentwicklung stellt Ackermann fest, dass die Stadt durch einen starken Zuzug aus dem Osten der Republik und aus anderen Teilen der Sowjetunion einen russischen Charakter annahm, obwohl der Zuzug von polnisch- und weißrussischsprachiger Landbevölkerung auch zu einem Anstieg deren absoluter Zahl führte. Ursache für diese Russifizierung innerhalb einer Sowjetisierung ist zum einen die Übernahme der Region durch überwiegend russischsprachige Kader. Das Weißrussische konnte nur in der ländlich geprägten Folklore einen prominenten Platz einnehmen. Dies führte zum anderen dazu, dass die in die Stadt strömende weißrussischsprachige Landbevölkerung an einer schnellen Akkulturation an die städtische, russischsprachig geprägte Gesellschaft interessiert war, an die sie auch einen sozialen Aufstieg knüpfte.
Wie sich die Vorstellungen der wechselnden Machthaber von einer Nationalisierung bzw. Sowjetisierung Grodnos manifestierten, zeigen auch Eingriffe in das Stadtbild. So wurde die aus dem 14. Jahrhundert stammende Kirche zur Heiligen Jungfrau Mutter Gottes im 19. Jahrhundert als orthodoxe Sophienkathedrale neu geweiht und in einem repräsentativen pseudorussischen Stil umgebaut. In der Zwischenkriegszeit diente sie als Garnisonkirche der Polnischen Armee und wurde aller Elemente beraubt, die an die russländische Zeit erinnerten. Die sowjetischen Machthaber ließen das zum Teil im Krieg zerstörte Gotteshaus verfallen und sprengten es 1961 als 'symbolischen Akt zur Bekämpfung der Religiosität' (S. 245). Dieses Beispiel unterstreicht eine weitere Stärke der Arbeit, die bewusst nicht wie viele andere den Zweiten Weltkrieg als Ausgangspunkt der Analyse wählt sondern Entwicklungen über einen längeren Zeitraum hinweg in Augenschein nimmt.
Natürlich können auch kritische Anmerkungen bei einem Werk dieser Art nicht ausbleiben. So wird der mit der Geschichte von Städten im mitteleuropäischen Raum vertraute Leser auf zahlreiche Parallelen zu anderen von Zwangsmigration betroffenen Orten stoßen. Hier hätte Ackermann seine Arbeit durch Vergleiche noch deutlicher verorten können, zumal er selbst auf die bestehende Grundlage verweist (S. 15). Beeindruckend ist die Vielfalt und Breite des verwendeten Quellenmaterials auf Polnisch, Weißrussisch, Russisch und anderen Sprachen. Einen besonderen Akzent setzt der Autor durch die zahlreichen Zeitzeugeninterviews. Dadurch gelingt einerseits ein auch alltags- und wahrnehmungsgeschichtlicher Zugang, andererseits wäre ein kritischer Hinweis auf die Problematik dieser Methode der Oral History angebracht gewesen.
Insgesamt kann konstatiert werden, dass dem hohen Anspruch, eine lokale 'Geschichte von Ethnizität im 20. Jahrhundert' (S. XV) schreiben zu wollen, hier mehr als genüge getan wurde. An Ackermanns Arbeit kommen all diejenigen nicht vorbei, die sich mit den Folgen von Krieg, Zwangsmigrationen und Sowjetisierung auseinandersetzen. Wer nach Weißrussland reist, sollte in Grodno Station machen und dieses Buch mit sich führen. Aber auch dem an Nationalisierung und der Bedeutung und Entwicklung von Ethnizität in anderen Regionen interessierten Leser sei das Buch als gelungenes Beispiel für eine kulturwissenschaftliche Mikrostudie unbedingt empfohlen.