'Memento Mori ' Bedenke, dass du sterblich bist!' ' das alte Sprichwort war früher einmal das Motto so manches literarischen Werkes. Im mittelalterlichen und barocken Theater trat der Tod mit hoher Regelmäßigkeit als Figur auf, um die eitlen Menschen an ihre Hinfälligkeit zu erinnern. In der spätkapitalistischen Welt jedoch gibt man sich einen kollektiven Jugendkult hin und will sich keine Gedanken mehr machen über den eigentlichen Wert des Lebens angesichts seiner Endlichkeit. Das lediglich auf beruflichen Erfolg und flüchtige Vergnügungen ausgerichtete Leben kann aber zu einer oberflächlichen Wiederholung führen, die immer mehr Menschen in die Depression treibt. Genau an diesem Punkt setzt Wim Wenders geniales Spätwerk 'Palermo Shooting' an und handelt von einem Ausstieg aus der zu schnell gewordenen Welt. Hier kehrt der Tod als mysteriöser Bogenschütze zurück ins Kino und führt mit seinen Pfeilen die notwendige Entschleunigung herbei.
'Palermo Shooting' erzählt die Geschichte einer Reise in die Welt des Todes. Der berühmte Fotograf Finn hat in Deutschland eine beachtliche Karriere gemacht und hetzt von einem Fototermin zum nächsten. Doch trotz seines Erfolges ist er unglücklich, leidet an Schlaflosigkeit und sieht sein Leben sinnlos an sich vorüberziehen. Anstatt mit ernsthafter Kunst beschäftigt er sich fast nur noch mit trivialen Modeaufnahmen und findet dennoch keine neue Lebensfreude. Nur knapp entgeht er einem wahrscheinlich tödlichen Autounfall und beschließt von dem Ereignis geschockt, dass er sich eine Auszeit nehmen muss. Er setzt sich ins mediterrane Palermo ab, beantwortet keine Anrufe mehr und versucht einen Weg aus seiner Lebenskrise zu finden. Doch dabei wird er von einen Bogenschützen in grauen Mantel terrorisiert, der ihm aus dem Hinterhalt angreift. Doch außer Finn kann die seltsame Gestalt niemand sehen. Nur die Kunstrestauratorin Flavia, die sich gerade mit einem christlichen Wandgemälde, das den Tod mit Pfeilen verknüpft, beschäftigt, glaubt ihm und hilft dem verwirrten Fotografen eine Antwort auf seine Lebenskrise zu finden.
'Palermo Shooting' ist ein perfekt durchkomponierter Roadmovie, der von Wenders großer Erfahrung lebt und eine faszinierende Reise in die Welt des Todes inszeniert. Der Film beginnt mit Finns hektischem Leben in der Großstadt und zeigt durch Traumsequenzen, dynamischen Kameras und Voice Overs den Wahnsinn seines stressbeladenen Alltages. Doch mit Finns Nahtoderfahrung und der Reise nach Palermo verändert sich die Dynamik der Bilder und allmählich wird alles immer ruhiger. Die kleine italienische Hafenstadt bildet mit ihren altertümlichen Villen und Gassen den perfekten Kontrast zu den postmodernen, durchgestylten Orten, wo sich Finns Berufsleben abspielt. Am Ende wird Finns Reise sogar in ein kleines, altes Dorf am Land führen, wo noch nicht einmal die Moderne angekommen zu sein scheint. In diesem Umfeld wird sich schließlich auch das Rätsel um den unheimlichen Tod, der von Dennis Hopper genial dargestellt wird, endlich offenbaren. Die Reise in 'Palermo Shooting' ist auch eine Art Rückkehr zu den Fundamenten des Lebens und großen Weisheiten der Vergangenheit, die in der schillernden Eventkultur der Städte zunehmend verschüttet zu sein scheinen. Durch seine Reise gelingt es den Stresskranken Fotografen Abstand zu der Oberflächlichkeit seines bisherigen Leben zu finden. Er erkennt sein eigenes Schicksal wieder in dem alten christlichen Wandgemälde, das Flavia restauriert, und schafft es in der Auseinandersetzung mit dem Tod einen neuen Blick auf das Leben zu gewinnen.
Genial fängt der Film ein, wie sich die Psyche des Geschwindigkeitsjunkie Finn zunächst gegen die Ruhe wehrt. Wenders zeigt keine kitschige plötzliche Heilung, sondern ein langsames zu sich kommen, das nicht ohne psychische Arbeit möglich ist. Auch Finns Beziehung zu der Italienerin Flavia ist keine eindimensionale Romanze, sondern ein behutsames Sich-gegenseitig-helfen, wie man es leider viel zu selten in Filmen sieht. Statt heldenhafter Charaktere mit großen Weisheiten, zeigt 'Palermo Shooting' Suchende, die sich gemeinsam auf den Weg machen. Mit der großen Rede des Todes am Ende des Films hat Wenders auch wieder viele seiner klassischen Themen und Reflexionen über das Leben und die Macht der Bilder eingbaut. Und Dennis Hopper spielt seine ungewöhnliche Rolle so überzeugend, dass man diesen großartigen Auftritt so schnell nicht vergessen wird. Campino, der in erster Linie als Rocksänger bekannt ist, ist zwar sicherlich eine ungewöhnliche Wahl für die Filmhauptrolle, doch er schafft es seinen Part mit großer Natürlichkeit zu erfüllen. Man fragt sich zwar schon, wie der Film mit einem Schauspieler mit mehr Erfahrung geworden wäre, will es aber eigentlich gar nicht wirklich wissen.
'Palermo Shooting' ist ein typischer Wenders, der einige Gemeinsamkeiten mit seinen großen Frühwerken: 'Im Lauf der Zeit' und 'Alice in den Städten' aufweist. Den Film zu einer Reflexion über den Tod zu machen ist eine gute Entscheidung, die einen wunden Punkt der aktuellen Gesellschaft trifft. Somit gelingt Wenders ein Film der sowohl von einer ganz persönlichen Sinnkrise handelt, als auch einiges an Kritik an die postmoderne Welt austeilt. Die Rückkehr des Todes auf die Leinwand ist geglückt.