Nur Zu Besuch [1] weilen wir auf dieser Welt - wobei die Befreiung der Seele für ein erfülles Da-Sein die Versöhnung mit dem Tod voraussetzt.
2008 begab sich Wim Wenders mit seinem beeindruckenden Film über die Angst vor dem Tod und dem Leben mit seiner Hauptfigur Finn auf den Weg von der Schickeria-Metropole Düsseldorf zum Nabel der europäischen Kultur. Finn, ein erfolgreicher Fotograf, dargestellt durch den 46-jährigen Campino, brennt aus und sucht Sinn im Leben und Befreiung von der Todesangst im Urhafen Palermo. Gleichzeitig führt seine Reise auch längst der menschlichen Lebensspanne von der Entstehung des Lebens bis zum Tod.
Neben Andreas Frege treten Giovanna Mezzogiorno als Flavia, Dennis Hopper als Frank und in einer kurzen Szene Lou Reed auf.
Wenders nennt Ingmar Berman und Michelangelo Antonioni als Vorbilder für diesen Film, was Respekt beweist, auch einen seriösen Umgang mit Zitaten, aber auch die unvermeidlichen Kultur-Schiedsrichter auf den Plan ruft, das neue Werk zu zerfleddern. Dabei stehen die Chancen gut, dass in einigen Jahren Wim Wenders als künstlerisches Vorbild von anderen Filmemachern benannt werden wird, denn "Palermo Shooting" bietet gleichermaßen eine Integration von ambitionierter Musik, einer charakteristischen optischen Stilistik und der Spuren urmenschlicher Ängste und Hoffnungen in den Kulturen von einst und heute.
Unvermeidlich, dass auch Campino als Professor Finn für Diskussionen sorgt. Dabei liegt doch auf der Hand, dass Campino als äußerst vielschichtige Figur eigentlich überallhin gut passt - seine kaum verborgene, verspielte und provokative Eitelkeit beweist doch nur Eigen-Reflexion und Intelligenz; nur Menschen, denen es daran mangelt, verstehen es wunderbar, scheinbar in sich selbst zu ruhen - leider aus wenig schmeichelhaften Gründen: sie erkennen ihre eigenen Motive nicht. Für den Film jedenfalls bringt der rebellische Lausbub Campino, der beginnt, über den Sinn des Lebens zu grübeln, möglicherweise mehr Spannung und Tiefgang, als manch ein bekannter und "gelernter" Schauspieler das vermocht hätte - zumal er in dieser inneren Spaltung aus seiner eigenen, für jeden nachvollziehbaren Entwicklung glaubwürdig ist - siehe das eingangs erwähnte Video.
Wenn allerdings der ein- oder andere Tote Hosen - Fan ein zweistündiges Musikvideo erwartet hatte, muss er eben genauso leiden wie die, die in "La dolce vita" vergeblich auf nackte Tatsachen gelauert haben.
Bleiben die unermüdlichen Wenders-Kritiker, die chronisch nicht begreifen, dass die Distanz zwischen ihnen und Wenders nicht unbedingt daran liegen muss, dass Wenders den Kritikern hinterherläuft. Die Zeit wird es zeigen.
Palermo Shooting bietet mit erlesener Musik und stimmungsvollen Bildern eine meditative Reise in die europäische Kultur und die eigene Seele: Kino, das berührt und gibt, Filmkunst im besten Sinne des Wortes.
film-jury 5* A0679 16.7.2011eg 8A 1T 1F Genre: Drama
Im Original 124 Minuten (Cannes), Kino-Version 108 Minuten, Format 1,85:1 (IMDB). In diesem Fall ist mal die Kino-Version der "Directors Cut", denn die Kürzungen wurden nach einer Test-Vorführung von Wenders selbst durchgeführt.
[1] Auf YouTube findet man das Video, in welchem Campino den Tod seiner Mutter verarbeitet, ebenso wie das von Wim Wenders gestaltete Video "Auflösen".