Norman Finkelstein ist Sohn von Holocaustüberlebenden, Professor für Politikwissenschaften und überzeugter US-Linksliberaler. Seine Themen: Der Nahostkonflikt, der Holocaust und die Israel-Lobby in den USA.
Im Gegensatz zu vielen seiner eher provokanten Veröffentlichungen wie etwa "die Holocaust-Industrie", die oft ein gewisses enthüllendes, polemisches Moment nicht verbergen können, ist "Palästina" genau das, was der Subtitel schlicht ankündigt: "Ein persönlicher Bericht über die Intifada".
Gemeint ist hier die 1. Intifada in den Jahren 1987-1993 in den von Israel besetzten palästinensischen Gebieten.
Finkelstein schreibt über seine Reisen, die er in jenen Jahren regelmäßig in die besetzten Gebiete unternahm, und auf denen er hautnah in den Alltag palästinensischer Familien eintauchte, der von Ausgangssperren, Schikanen, willkürlichen Verhaftungen, sozialen Missständen und der permanenten Angst vor den allgegenwärtigen israelischen Militärs geprägt ist.
Finkelstein findet in den palästinensischen Familien, die er in seinem Buch porträtiert, als Jude, als "einer von denen", zu seiner großen Überraschung nach anfänglichem Misstrauen bald gute Freunde und erstaunlich rationale Diskussionspartner, deren größter Wunsch nicht Vergeltung, sondern Frieden und Unabhängigkeit sind. Menschen, die zum Teil Teile ihrer Familie durch Tötungen oder Verhaftungen verloren haben, und die alltäglich in Angst um ihre Kinder leben.
Eines ist dem Autor dabei ganz besonders wichtig: Die weitgehende Gewaltlosigkeit jenes ersten palästinensischen Aufstandes herauszustellen. Keine Terroranschläge und Kassam-Raketen gab es damals. Nur Menschen, die in einen Generalstreik traten, nicht in ihre israelichen Betriebe gingen, um auf ihre desolate Situation unter israelischer Besatzung aufmerksam zu machen. Und Kinder, die sich mutig den "Jaish" (israelischen Soldaten) entgegenstellten und mit Steinchen nach ihnen warfen, und gegen die die Militärs oft mit unerbittlicher Härte und ohne Mitleid vorgingen.
Gerade vor dem Hintergrund des heutigen Wissensstandes wirft Finkelsteins Buch Fragen auf. Im heutigen Diskurs zum Friedensprozess wird oft das gewaltsame Vorgehen der Hamas als Grund für das harte Vorgehen Israels genannt und dessen Einstellung als oberste Bedingung für Friedensverhandlungen genannt. Der Westen hat diesen Duktus weitgehend anstandslos übernommen.
Doch schaut man mithilfe von Finkelsteins Buch zurück in Zeiten, wo es diese Gewalt noch gar nicht gab, wo friedlich protestiert wurde, wo keine Raketen nach Israel flogen, so fragt man sich, warum dies damals nicht Grund gewesen war für Israel, seine Siedlungen zu räumen und den palästinensischen Staat neben Israel Wirklichkeit werden zu lassen.