1991/92: Zweieinhalb Monate als Westler in den von den Israeli besetzten Gebieten, die schockierende Situation der palästinensischen Bevölkerung in Comicform im Stil eines Reisetagebuchs protokollierend. Es ist höchst lobenswert, dass sich mit der Edition Moderne endlich jemand an die Wiederveröffentlichung der preisgekrönten Gesamtausgabe des zunächst vor fünf Jahren bei Zweitausendeins erschienenen neunteiligen Zyklusses «Palästina» von Joe Sacco gemacht hat. Als eines der Pionierwerke in Sachen Comic-Reportage geltend, wird damit nach wie vor eindrücklich und unwiderlegbar aufgezeigt, dass die Neunte Kunst keinerlei Grenzen kennt - weder formale noch inhaltliche, wobei es auch keineswegs notwendige Konstellationen oder No-Go's zwischen diesen beiden Komponenten gibt. Der 1960 in Malta geborene Sacco, der sich frustriert vom Printjournalismus abgewandt hat, lässt sein Alter Ego in Crumb'scher Manier in wirklich exzellenter cartoonartiger Schwarzweiss-Grafik und eigentümlich verzerrten Einstellungen durch die Hinterhöfe Palästinas streifen, stets den Griffel zur Hand. Das Resultat ist natürlich maximalst subjektiv, die enorme Intensität wird durch das randlose Layout begünstigt.
Von verschiedener Seite war zunächst die stereotype Darstellung der Menschen angekreidet worden, angesichts der Zeichnung von Saccos Stellvertreter - übertrieben dicklippig und ohne Pupillen hinter dicken runden Brillengläsern dargestellt - dürfte dieser Vorwurf entkräftet werden. Dass der Autor nur eine Seite der Geschichte darstellt, legitimiert er im Vorwort dadurch, dass die regierende Lesart mit israelischer Fokussierung zur Genüge in den US-amerikanischen Medien ausgebreitet worden sei. Die Edition-Moderne-Fassung wartet mit einer zusätzlichen Einführung des hierzulande weitläufig bekannten Experten Ulrich Tilgner auf. Diese ist zwar überaus lesenswert, doch eine einfache Chronologie des Verlaufs des Konflikts hätte für den politisch Mittelkundigen, der ohne die Möglichkeit einer adäquaten Einordnung in media res geschmissen wird, gewiss mehr als Sinn gemacht. Durch deren Absenz besteht die grosse Gefahr, dass das wichtige Werk in nicht wenigen Büchergestellen, auch wenn das natürlich niemand - den eigentlichen Wert im Ansatz erkennend - zugeben will, dem Verstauben und Vergilben geweiht ist. (Comic-Check)