Vorweg: Julia Fischers Spiel der 24 Capricci ist grandios, charaktervoll und bei aller Virtuosität musikalisch sehr elegant!
(Mehr im letzen Absatz.)
Ja, da dürfen sich die 'Geister, die er (Paganini) rief' wieder einmal prächtig austoben! Das ausgemacht schlitzohrige Genie Paganini hat mit seinen 200 Jahre alten 24 Capricci nicht nur der geigenden Zunft vielgestaltige, aufregende, packende Stücke hinterlassen ("Die Capricci ... mögen den 'Artisti' zu Studienzwecken dienen."), sondern auch Interpreten wie engagierten Musikliebhabern gehörig viel Gesprächs-, Disskussions- und Zündstoff beschert. Die Spannweite reicht von gelegentlich geradezu besessen anmutender, akrobatisch-geigerischer 'Ernsthaftigkeit' ('Ha, bin ich der Schnellste aller Zeiten!?!') über scheinbare 'Virtuosität' (trefflich streitbar) bis zu kaum in adäquate Klangbilder des Gesamtwerkes mündende, eher angestrengt wirkende, letztlich müde Versionen.
Schon allein dafür gebührt dem großen Paganini wie seinen zahllosen Künstler/innen und Anhängern unser aller Dank, denn so ist das Werk doch eine ganz wundervolle, stetige Bereicherung - ohne Ende - und wird auch noch locker die nächsten 200 Jahre für so manchen kurzweiligen, fröhlichen, witzigen, bissigen und hoffentlich nicht allzu ernst- oder gar boshaftigen Streit sorgen ... ;-)
Auch bis dato viel gerühmte Interpreten der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts haben m.E. zuweilen einer 'halsbrecherischen Virtuosen-Erfurcht' zu sehr die Ehre gegeben - und damit oft genug die in den Stücken zweifellos versteckten schönen Impressionen dieser Paganini-Kompositionen einer verbissenen Effekthascherei geopfert, als gelte es irgendeinen Olymp der Geigen-Akrobatik zu erklimmen. Oft genug kam dabei nur heraus, was nach kürzester Zeit satt machte, bald nicht mehr gar so hörenswert erschien, danach im Regal blieb.
Dagegen sind einige zeitnahe Einspielungen für meinen Geschmack ganz wunderbar (Fischer, Zehetmair, Becker-Bender, Midori u.a.), stets hörenswert! Und würde ein für seine Zeit ohne Zweifel grandioser Rabin heute noch leben, die Caprices uns heute noch mal darbieten können, so wäre auch er vermutlich auf der Höhe der Zeit, unter den top five. Kurz: Wenige Einspielungen damals, ebenso wenige heute halte ich für wirklich groß; jedenfalls sind die o.g. ganz anders als jene seelenlosen 24 'Kunst'-Stücke einiger (nur) akrobatischen Saiten-Tänzer von eigenen Gnaden es je vermögen.
Nun dezidiert zu Julia Fischer. Sie spielt die Caprices auch schon lange genug, oft als sehr zurecht bejubelte Zugaben auf der Bühne, um wirklich zu wissen, zu fühlen, was in diesen Stücken steckt, nämlich nicht primär irgendein virtuoses Etüden-Spiel - damit hat Paganini seine Nachwelt vermutlich irritiert -, sondern wahrlich großer Charakter, Schönheit, natürliche Impressionen, konzertante Musikalität. Und Julia Fischer vermag dies alles nicht nur auf der Bühne, sondern jetzt mit dieser CD ganz wunderbar feinnervig überragend zu verlebendigen! So hat sie mit ihrer Einspielung für meinen Geschmack einer durchaus vielfach anzutreffenden geigerischen 'Verbissenhaftigkeit' sehr genial die Spitze genommen und diese wundervollen Capricci mit souveränem Spiel bravourös mit charaktervoller Elegance versehen! Julia Fischers 24 'Charakter'-Stücke machen mir wieder viel Lust mich tief hinein zu versenken, gut zuzuhören und durch ihr Spiel wieder die hintergründige Musikalität der Capricci zu genießen; viel Hör-Vergnügen!