Ein lesenswertes, trotziges Buch, das den Leser in seinen Bann zieht und erschüttert. Der Autor, Gavino Ledda, ist 1938 in eine kinderreiche, arme Hirten- und Bauernfamilie im Dorf Siligo im nordwestlichen Bergland Sardiniens, jener damals „fernen und vom Meer abgewandten Hirten- und Bauerninsel“, hineingeboren worden. In seinem schönen Italienbuch von 1954 verfällt der heute leider kaum mehr bekannte Schriftsteller Kasimir Edschmid mit Blick auf diese Insel ins Schwärmen: „Vieles in Sardinien, außerhalb der Städte, scheint noch der legendären Zeit vor der antiken Einwanderung anzugehören und zeigt sich besonders schön in den Gebärden der Hirten, die in der Einsamkeit der Steppen und Berge Millionen von Tieren behüten.“
Im autobiographischen Bericht Gavinos über seine harte Kindheit und die Zeit des Heranwachsens zum Mann, liest sich das ganz anders. Der Leser fühlt sich in vergangene Jahrhunderte und keineswegs in eine gute, alte Zeit zurückversetzt. Von unvorstellbarer Härte ist der unbändige Vater-Sohn-Konflikt zwischen Gavino und Abramo, dem rauhenVater. Der Kampf hat archaische Züge einer alten Kämpfersage. Die Kräfteverhältnisse verschieben sich erst mit dem Erwachsenwerden zugunsten Gavinos. Abgesehen von der Militärzeit durchzieht ein fast zwanzig Jahre dauernder Kampf zwischen Vater und Sohn das Buch. Daß die aufgezeichneten Begebenheiten 1944 einsetzen und 1962 enden, wird in dem Buch des sardischen Erzählers zwar erwähnt. Wir werden beim Lesen jedoch eigenartig berührt, weil es befremdet, daß die unerträglichen Vorkommnisse erst fünfzig bis sechzig Jahre zurückliegen sollen. Das Absonderliche, Fremdartige und extrem Rückständige, das Gavinos Jugend so böse in Mitleidenschaft gezogen hat, springt uns geradezu an, weil wir das in dieser extremen Art und Weise nicht kennen.
Das Gefühl, in eine längst vergangene Zeit zurückversetzt zu sein, wird im ursprünglich italienischen und selbst in der vorliegenden deutschen Übersetzung durch das Einfügen von Wörtern und Satzteilen in der heute gefährdeten sardischer Sprache verstärkt. Im deutschen Text wirkt das seltsam, weil der Vergleich zur italienischen Nationalsprache für deutsche Leser Italiens nicht nachzuvollziehen ist.
Vom fünften Lebensjahr an richtet der herrische und erbarmungslose Vater Abramo seinen Gavino erbarmungslos zum Hirten ab. Der väterliche Despot weiß nichts von Liebe zu seinen Kindern. Statt dessen setzt er bei der Erziehung des Sohnes auf physische Gewalt und schonungslose Schinderei. Gavino soll dem „Padrone“ wie einem Herrn untertänig dienen. Das Schulgesetz ausdrücklich mißachtend reißt der „Padrone“ seinen kleinen Gavino schon nach wenigen Wochen wieder aus der Dorfschule heraus. „Der Junge ist mein“, herrscht er die Lehrerin an. Der Vater sieht in ihm sein Eigentum.
Von jeglicher Geistesbildung ausgeschlossen muß der Junge die Schafe in der abgelegenen Bergeinsamkeit hüten, während sich der Vater im Dorf und auf dem Feld „um alles andere kümmert“, was in der sardischen Kleinbauern- und Hirtengesellschaft mit ihrer allgemein schwierigen wirtschaftlichen Lage schwer genug war. Der Preis, den der Sohn für dieses Hundeleben zahlen muß, ist sehr hoch. Der Vater behandelt Gavino schlimmer als sein Vieh. Die einsamen, entsagungsvollen Jahre haben Gavino indes reifer gemacht als seine Schulkameraden, die im Dorf blieben. Immer wieder verprügelt der strenge Tyrann, so wird das Wort „Padrone“ hier am besten sinngemäß übersetzt, den bedauernswerten Sohn auf widerwärtige Weise, um dessen Willen zu brechen. Wie eine Bestie geht er auf ihn los. Blindlings verletzen die Hiebe, Ohrfeigen, Stockschläge und Fußtritte des „Padrone“ den jungen Burschen. Außer Rand und Band schlägt er auf ihn ein: „Wie besessen von der Vorstellung, er könnte mich durch Prügel erziehen … er schlug einfach zu.“ Als Gavino Ledda 1974 nach einem langen Weg seinen autobiographischen Bericht über seine Jugend fertig geschrieben hat, zeigt folgender Satz, wie verwundet der jetzt 36jährige für immer war: „Es blieben einige Spuren an den Backenknochen, die heute noch zu sehen sind, und in mir die schmerzliche Erinnerung, die nicht vergehen will.“ Wer Ähnliches nicht selbst erlebt hat, kann diese Worte kaum verstehen. Erschwert war Gavinos Jugend dadurch, daß Frauen, ganz gleich ob Mutter, Schwester oder Freundinnen, in diesem Buch kaum eine Rolle spielen; das entspricht der Lebenswirklichkeit im damaligen Sardinien.
Charakter und Geist Gavinos waren stark genug, an dem Bedrücker seiner Jugend nicht zu zerbrechen. Das zeigen andere Teile seiner Selbsterlebensbeschreibung, die außerhalb der Vater-Sohn-Beziehung ablaufen. Er berichtet von den Hirten, von Jägern und Banditen, die er gelegentlich traf. Von Thiu Juanne, der gelegentlich im Pferch vorbeischaute, hörte er die stolzen Geschichten über seinen Vorfahren Giommaria Ledda, der bei den Bauern viel galt, bei den Reichen und Adeligen jedoch nichts. Letztere waren die eingebildeten, lasterhaften Löwen wie die Bauern und Hirten die Lämmer waren, wie Vater Ledda es ausdrückte. Wenn der mutige Giommara den Löwen nachstellt, mußten die dann und wann mit dem „Leben bezahlen. Und das war ganz recht so“, belehrte Juanne den Hirtenjungen.
Da die Leddas mit fast allen unmittelbaren Nachbarn draußen im Bauernland im Streit lagen, war die Lebenswelt Gavinos noch einmal eingeschränkter und erschwert. „Wespen“ nennt Gavino die benachbarten Hirten. Wenn sie nicht selbständig waren, waren Frauen für sie un-erreichbare Wesen. Die Befriedigung des Sexualtriebes dieser vereinsamten Jungen und Männer in der Abgeschiedenheit und Armut war nur ohne Frauen möglich. Ledda beschweigt die Einzelheiten nicht, um seine Erzählung noch glaubhafter zu machen. Er schämt sich für die Schilderungen. Aber das Eingehen auf die Umstände und Arten der Befriedigung soll zeigen, wie weit eine Verrohung Gavinos Leben bedrohte.
Ledda läßt nichts aus, wenn er vom dem Leben und der Landschaft auf seiner Insel erzählt, die sich so sehr vom übrigen Italien unterscheidet. Anders als die Nobelpreisträgerin Grazia Daledda aus Nuoro oder der andere große sardische Schriftsteller Giuseppe Dessì hat Gavino Ledda seine Erfahrungen nicht in lyrisch-nostalgischer Besinnlichkeit abzumildern versucht. Mit klarer Sprache hat er das Martyrium seiner Jugend und die harte, grausame Realität der sardischen Hirten und Bauern in seiner Heimat erzählt.
In den fünfziger Jahren begann diese enge Welt auseinanderzubrechen, und sein Freiheitsbedürfnis befahl ihm: „Ich geh von hier weg.“ Als Freiwilliger wird Ledda nach seiner Volljährigkeit Soldat, vor allem um aus dem Wirkungsbereich des Vaters zu entkommen: „Ich lieferte mich dem Staat aus.“ Er fand das militärische Leben unbefriedigend. Die Kaserne war ihm ein Gefängnis. Er nutzte jedoch seine Dienstzeit gut: Ledda eignete sich die italienische Sprache an, das er als Sarde nicht konnte, lernte das Lesen und Schreiben. Auf eigenen Antrag aus der Armee entlassen ging er nach Sardinien zurück, wo er seine schulische Bildung vom Vaterhaus aus im Selbststudium vervollständigte. In dieser Zeit kommt es zum endgültigen Bruch mit dem geizigen, raffgierigen und herrschsüchtigen Vater. „Ich bin der Herr! Ich bin dein Vater“, schreit der Alte und will Gavino zum Krüppel schlagen. Bei der körperlichen Auseinandersetzung, bei der er aber gegen seinen Vater die Hand nicht hebt, schleudert Gavino diesem ins Gesicht: „Du bist der Herr von gar nichts, und der Vater kann mir gestohlen bleiben.“
Der Sohn verläßt das Elternhaus, um seinen weiteren erfolgreichen Lebensweg zu gehen, von dem ein anderes Buch handelt.