Es ist unbestritten wichtig, sich bei der Auseinandersetzung mit dem Thema Nationalsozialismus zu fragen, wie es soweit kommen konnte.
Die Idee, selbstgerechtes "Mir könnte das nicht passieren!"-Denken mal auszuhebeln, ist da sehr gut - denn seinerzeit "passierte" das vielen Millionen Menschen, und zwar nicht nur in Deutschland. Hitler und seine Ideologie fanden weltweit Befürworter.
Das Buch "Die Welle" wirbelte in den 70ern viel Staub auf. Allerdings ist dieser inzwischen wieder recht dick auf diesem Werk gelandet. Die ansich gute Idee, Schüler - ohne, daß sie es merken - in den Sog von Gruppenzwang, Ausgrenzung Anderer und elitärem Denken geraten zu lassen mit Gründung einer eigenen Organisation, einem eigenen Emblem und festen ethischen Werten verflacht aber leider recht schnell in allzu Offensichtlichem.
"Richtig" und "Falsch" werden, um so richtig deutlich zu sein in der Botschaft, von Anfang an festgemauert und der mahnende Zeigefinger hebt sich auf jeder Seite. Die kritische Schülerin ist aus nur ihr bekannten Gründen von Anfang an kritisch und die Welle-begeisterten Experimentler unglaublich fix im gefährlichen Fahrwasser.
Der stete Hinweis auf den Deutschen Faschismus verwirrt mich zunehmend. Es wäre (zumindest in der heutigen Zeit) ehrlicher, man würde die drohende Gefahr nicht ausschließlich auf die Zeit zwischen 1933-45 fokussieren, werden doch auch in der "Welle" Entwicklungen beschrieben, die man in jeder Sportmanschaft latent antreffen kann: "WIR sind die Besten, die Kings, die einzig Wahren! Und der Andere ist der Feind!"
WOOO nun die Grenzüberschreitung stattgefunden haben soll, die vom alltäglichen Ausgrenzungsverhalten in Holocoust-Nähe rutscht - es tut mir leid, das war mir in der "Welle" absolut nicht plausibel!
Ein Teenager-Pärchen zankt sich? ER reagiert ungewohnt heftig? Auweia! Und ein Junge wird verprügelt, von dem der Leser und die nunmehr aufgeschreckten Jugendlichen eher nebenbei erfahren, daß er Jude ist? Na sag mal an...
Dabei kommt es doch ansonsten NIIIIEEE vor, daß Schüler von anderen Schülern verdroschen werden und Pärchen sich streiten... Und feste Gruppierungen (Politik, Sport, Musikbands, Eliteschulen etc.) reagieren normalerweise absolut relaxt und nie geballt-abwehrend auf Kritiken von außen oder gar auf Konkurrenz...
Zumindest scheint der Ort des Welle-Geschehens, jene USA-Schule, von jeher so ein Ort von Friede-Freude-Eierkuchen gewesen zu sein, bar jeder Gruppierung bzw. jeden Gruppendenkens...
In diesem Buch wird dann das Welle-Experiment als real-fiktives Aha-Erlebnis behauptet und Hitler als immer noch im Hintergrunde brodelnde Gefahr, so ein bissel wie das böse Sumpfmonster, das vielleicht noch nicht ganz tot ist und zwecks Eroberung der Weltherrschaft einst wieder hervordrängen könnte... Botschaft: Wenn wir alle ganz doll aufpassen, nur dann, kann nie wieder sowas wie in Deutschland geschehen.
Nicht EINMAL wird der Blick auf aktuell vorhandene, täglich zu erlebende Ursprungsquellen gelenkt: Verdroschen wird im Buch also (geschichtsträchtig) ein Jude, und das Grauen liegt offen vor uns. - Gab es an dieser Schule eigentlich Schwarze? Indios? Puertoricaner? Hat man an jener Schule schon mal was vom Ku-Klux-Klan gehört? Vom Vietnam-Krieg? Von der Christianisierung des schwarzen Kontinentes und der Ureinwohner des einst von Columbus entdeckten Landes?
Und in der heutigen Rezeption: Woran erinnert einen denn nur die Formulierung "Achse des Bösen"?
Ein Sprichwort, daß ich sehr mag, lautet: "Das Gegenteil von Gut ist nicht Böse, sondern Gut gemeint!" - Das trifft für mich auf die "Welle" zu. Das Böse hat braune Hemden an und lebte so in der Mitte des 20. Jahrhunderts in Deutschland, und fatalerweise fielen viele naive Leute darauf hinein. Und auch heute sind wir latent in Gefahr. Aber ein engagierter Lehrer kann einen dann mal irritieren, und morgen... spielen wir was Anderes.
Nie, absolut nie, wird das wahre Hier und Heute hinterfragt. Der Blick wird nur in die Großeltern-Genration gelenkt und wie sehr wir dafür anfällig "wären".
Wie wenig dieses Verhalten in den Siebzigern bereits ausgestorben war und wie anfällig (oder bereits angefallen) wir heute immer noch (und nicht "schon wieder") SIND, wird bequemerweise ausgeblendet.
Für die ansich gute Idee hätte ich gerne mehr Sterne vergeben. Aber das Buch macht es dem Leser allzueinfach, sich "richtig" zu positionieren. Es erzeugt Selbstgerechte und keine kritischen Nachdenker, schon gar keine sich-selbst-Hinterfrager. Auch in den Rezensionen liest mal allzuoft die Frage, wie man denn selbst DAMALS gewesen WÄRE.
Und das hilft uns im Alltag absolut nicht weiter. Um solche Diktaturen zu bekämpfen, müssen wir uns damit auseinandersetzen, wie wir SIND.