Trotz meiner Faszination über das Buch "Hilflose Helfer" ist es seit vielen Jahren das erste Buch, was ich von Schmidtbauer lese. Es werden in diesem Buch Beispiele aus dem Beziehungsalltag ganz kurz und knapp geschildert, es folgen eine erste Kurzmeinung, dann eine psychodynamische Deutung und am Ende mögliche Therapieschritte.
Viele Problemfelder werden angesprochen vom Autor, in seinen psychodynamischen Erläuterungen kommen hin und wieder analytische Modelle durch, denen ich persönlich nicht viel abgewinnen kann (Mann beim Oktoberfest, der eine Schlägerei mitansehen muss, sich reflektorisch verteidigt durch Abducken und sich im Nachgang von der Freundin trennt mit der Begründung, sie habe ihn verachtend angesehen, wird als latent homosexuell gesehen ... ich denke hier in erster Linie an Traumatisierung), bei denen man aber in der Kürze der Schilderung auch nicht das Gegenteil sagen kann. Viele psychodynamischen Einsichten sind aber sehr gut nachvollziehbar, stimmig und führen dann klar zu therapeutischen Möglichkeiten.
Nicht immer ist er neutral in seinem Urteil (über den Karriere machenden Mann wird im Gegensatz zur zu Hause bleibenden Frau despektierlich geschrieben, so dass man fast den Eindruck bekommen könnte, es handelt sich hier um Eigendynamik), was recht erstaunlich ist für einen Analytiker, dem ja die "therapeutische Abstinenz" sozusagen "heilig" ist. Es macht ihn an der Stelle "menschlich" und der Leser kann seine eigene Meinung ja für sich klären.
Das Buch ist sehr übersichtlich geschrieben, berührt viele Bereiche, vieles kann ich sofort gut nachvollziehen, im Zeitraffer kann man bestimmte Themen nachhalten, selbst überprüfen, ob man es ähnlich handhabt oder gehandhabt hat und für viele Probleme bekommt man sozusagen einen "Kurzleitfaden" trotz aller gebotener Vorsicht an die Hand.
Sehr gefallen hat mir der Schreibstil des Autors, der fast etwas poetisches hat. Der Satzbau ist intelligent, witzig und fast künstlerisch, so dass das Lesen an sich ein besonderer Genuss ist.