+ interessante kombinationen von szenen und reflexionen
+ hohe gedankliche und sprachliche komplexität
+ anschauliche, sprechende détailbeobachtungen menschlichen verhaltens
+ gnadenlose moderne paaranalyse
+ der autor hält die fremde zwischen ich und moderne in schwebender melancholie fest
+ sprache klar, profund und durchgearbeitet
+ ruhiger ton der schilderung, vermeidung von brio
+ es ist in diesem 30 jahre alten büchl alles noch verständlich, was dafür spricht, daß dem autor damals eine zeitlose beschreibung des zeitgeistes ende der 70er/anfang der 80er jahre gelungen ist. offenbar handelt es sich um das bedeutendste dt. buch der damaligen zeit
+ vereinzelt merkenswerte sentenzen, etwa: »Man schreibt nicht über etwas, man schreibt e s . . . « (s. 102) »Man macht keine eleganten Fechtübungen an Vogelscheuchen.« (s. 115)
+ frappante zusammenfassung komplexer szenen in einem einzigen satz, z. b. s. 20: »Ein Bezirksbeamter in den Mitdreißigern läßt vor seiner träg und stumm dasitzenden Frau seine Intelligenz warmlaufen.« für dergleichen brauchen andere autoren 200 seiten. hier profitiert der prosa-autor strauß vom theater-autor
+ das 1981 erschienene buch des damals 37jährigen autors hat bis heute nix von seiner interessantheit und gültigkeit als kulturkritisches werk eingebüßt
+ als kulturkritisches kompendium in seiner zeit einzigartig und auf lange sicht in der dt. literatur nur mit wiesengrunds »minima moralia« (1951) und henning ritters »notizbüchern« (2010) zu vergleichen
+ was heute unter dem motto: die liebe in den zeiten des internets und der marktwirtschaft geschrieben wird, hat strauß hier schon anfang der achtziger jahre vorweggenommen, und besser ausgedrückt; vergl. z. b. s. 16f
+ erfindung treffender neologismen wie »Fernsehvolksschatz« (s. 25), »Bücherstall« (s. 27), »Gegenwartsfreaks«, »herunterdemokratisierten« (s. 92), »Gegenwartsnarr« (s. 161), »gemütspornographische« (s. 180)
+ sammlung sittengeschichtlich aufschlußreicher szenen aus vergangenen welten, wie etwa dem berliner ballhaus »resi« (s. 39ff) oder der verlogenheit protestantischer akademikerkreise (s. 69ff)
+ es ist interessant zu sehen, wieviel der uns heute beschäftigenden themen vor 30 jahren, mithin mehr als einer generation, schon in der luft lagen
+ insofern ist es das buch einer unabgeschlossenen epoche, nämlich der unseren
+ die abhandlung s. 166-170 kann heute als zusammenfassung der damaligen politischen befindlichkeit angesichts der atombedrohung im letzten moment vor der perestroika gelesen werden
+ liest man das büchl nicht nur als zustandsanalyse der damaligen zeit, sondern als voraussage der zukunft muß man sagen er hat recht behalten
+ autor bietet uns einen abschnitt mit traumsequenzen (s. 125ff) und fordert uns damit heraus, weiterzuspinnen und mehr auf unsere eigenen träume zu achten
+ es gefiel meinen eltern, die es in ihrer studienzeit lasen, ebensogut wie mir, das spricht doch fürs büchl. was strauß im bez. auf die »minima moralia« sagt (s. 115): »Es ist, als seien seither mehrere Generationen vergangen.« gilt zwischen »Paare, Passanten« und uns heute keineswegs
+ das buch franst am ende ins phantastische aus und regt damit die phantasie des lesers an
+ messerscharfe analyse und schilderung der geschichtslosen öde der bundesrepublik deutschland nördlich des weißwurstäquators (der autor lebte als er das buch schrieb, 1981, in west-berlin, ließ das büchl aber in einem verlag erscheinen, hanser verlag, der seines hanseatischen namens zum trotz in münchen beheimatet ist)
+ zwischen den zeilen wird bayern als die einzig lebenswerte gegend in deutschland, wo man noch nicht von der geschichte abgeschnitten ist, anerkannt
+ ein sehr kluges buch. man heißt nicht umsonst strauß
+ angenehm zu lesen, da es 1981 noch keine staatliche zwangsrechtschreibung gab
+ die leserin anja friedrich war so interessiert, daß sie das büchl in einem zug genoß
- gleich auf der ersten textseite gebrauch des unverständlichen wortes »uzen« (s. 9)
- grammatischer fehler auf s. 17: »Wo aber die Seele so wenig äußeren Zwecken gehorchen braucht'« auch in der uns vorliegenden 5. aufl. von 1982 nicht korrigiert
- die hochschätzung des dichters paul celan (s. 107) und des malers francis bacon (s. 122) kann ich nicht nachvollziehen
- der autor assoziiert den westphälischen jargonausdruck »woll« mit dem rheinland (s. 150), eine seite später mit norddeutschland
- unhistorische verwendung des begriffs »Faschismus« (s. 173)